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De Profundis
Es ist ein Stoppelfeld, in das ein schwarzer Regen fällt.
Es ist ein brauner Baum, der einsam dasteht.
Es ist ein Zischelwind, der leere Hütten umkreist —
Wie traurig dieser Abend.
Am Weiler vorbei
Sammelt die sanfte Waise noch spärliche Ähren ein.
Ihre Augen weiden rund und goldig in der Dämmerung
Und ihr Schoß harrt des himmlischen Bräutigams.
Bei der Heimkehr
Fanden die Hirten den süßen Leib
Verwest im Dornenbusch.
Ein Schatten bin ich ferne finsteren Dörfern.
Gottes Schweigen
Trank ich aus dem Brunnen des Hains.
Auf meine Stirne tritt kaltes Metall.
Spinnen suchen mein Herz.
Es ist ein Licht, das in meinem Mund erlöscht.
Nachts fand ich mich auf einer Heide,
Starrend von Unrat und Staub der Sterne.
Im Haselgebüsch
Klangen wieder kristallne Engel.
Georg Trakl
(1887 – 1914)
De Profundis
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In der Frühe
Die Silhouette deines Leibs steht in der Frühe dunkel vor dem trüben Licht
Der zugehangnen Jalousien. Ich fühl, im Bette liegend, hostiengleich mir
zugewendet dein Gesicht.
Da du aus meinen Armen dich gelöst, hat dein geflüstert
»Ich muß fort« nur an die fernsten Tore meines Traums gereicht –
Nun seh ich, wie durch Schleier, deine Hand, wie sie mit leichtem Griff
das weiße Hemd die Brüste niederstreicht . .
Die Strümpfe . . nun den Rock . . das Haar gerafft . . schon bist du fremd,
für Tag und Welt geschmückt . .
Ich öffne leis die Türe . . küsse dich . . du nickst, schon fern, ein Lebewohl . .
und bist entrückt.
Ich höre, schon im Bette wieder, wie dein sachter Schritt im Treppenhaus
verklingt,
Bin wieder im Geruche deines Körpers eingesperrt, der aus den Kissen
strömend warm in meine Sinne dringt.
Morgen wird heller. Vorhang bläht sich. Junger Wind und erste Sonne will herein.
Lärmen quillt auf . . Musik der Frühe . . sanft in Morgenträume eingesungen
schlaf ich ein.
Ernst Stadler
(1883 – 1914)
In der Frühe
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Zu Abend mein Herz
Am Abend hört man den Schrei der Fledermäuse,
Zwei Rappen springen auf der Wiese,
Der rote Ahorn rauscht.
Dem Wanderer erscheint die kleine Schenke am Weg.
Herrlich schmecken junger Wein und Nüsse,
Herrlich: betrunken zu taumeln in dämmernden Wald.
Durch schwarzes Geäst tönen schmerzliche Glocken,
Auf das Gesicht tropft Tau.
Georg Trakl
(1887 – 1914)
Zu Abend mein Herz
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Form ist Wollust
Form und Riegel mußten erst zerspringen,
Welt durch aufgeschloßne Röhren dringen:
Form ist Wollust, Friede, himmlisches Genügen,
Doch mich reißt es, Ackerschollen umzupflügen.
Form will mich verschnüren und verengen,
Doch ich will mein Sein in alle Weiten drängen –
Form ist klare Härte ohn Erbarmen,
Doch mich treibt es zu den Dumpfen, zu den Armen,
Und in grenzenlosem Michverschenken
Will mich Leben mit Erfüllung tränken.
Ernst Stadler
(1883 – 1914)
Form ist Wollust
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Nachts
Die Bläue meiner Augen ist erloschen in dieser Nacht,
Das rote Gold meines Herzens. O! wie stille brannte das Licht.
Dein blauer Mantel umfing den Sinkenden;
Dein roter Mund besiegelte des Freundes Umnachtung.
Georg Trakl
(1887 – 1914)
Nachts
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Bahnhöfe
Wenn in den Gewölben abendlich
die blauen Kugelschalen
Aufdämmern, glänzt ihr Licht in die Nacht hinüber
gleich dem Feuer von Signalen.
Wie Lichtoasen ruhen in der stählernen Hut
die geschwungenen Hallen
Und warten. Und dann sind sie
mit einem Mal von Abenteuer überfallen,
Und alle erzne Kraft
ist in ihren riesigen Leib verstaut,
Und der wilde Atem der Maschine, die wie ein Tier
auf der Flucht stille steht und um sich schaut,
Und es ist,
als ob sich das Schicksal vieler hundert Menschen
in ihr erzitterndes Bett ergossen hätte,
Und die Luft ist kriegerisch erfüllt
von den Balladen südlicher Meere
und grüner Küsten und der großen Städte.
Und dann zieht das Wunder weiter.
Und schon ist wieder Stille und Licht
wie ein Sternhimmel aufgegangen,
Aber noch lange halten die aufgeschreckten Wände,
wie Muscheln Meergetön, die verklingende Musik
eines wilden Abenteuers gefangen.
Ernst Stadler
(1883 – 1914)
Bahnhöfe
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Der Dichter Ernst Stadler, geb. 1883, wurde 1914 in der ersten Flandernschlacht durch eine Granate getötet. Nachdruck der Originalausgabe aus dem Jahr 1920.
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Abendland
Else Lasker-Schüler in Verehrung
1.
Mond, als träte ein Totes
Aus blauer Höhle,
Und es fallen der Blüten
Viele über den Felsenpfad.
Silbern weint ein Krankes
Am Abendweiher,
Auf schwarzem Kahn
Hinüberstarben Liebende.
Oder es läuten die Schritte
Elis’ durch den Hain
Den hyazinthenen
Wieder verhallend unter Eichen.
O des Knaben Gestalt
Geformt aus kristallenen Tränen,
Nächtigen Schatten.
Zackige Blitze erhellen die Schläfe
Die immerkühle,
Wenn am grünenden Hügel
Frühlingsgewitter ertönt.
2.
So leise sind die grünen Wälder
Unsrer Heimat,
Die kristallne Woge
Hinsterbend an verfallner Mauer
Und wir haben im Schlaf geweint;
Wandern mit zögernden Schritten
An der dornigen Hecke hin
Singende im Abendsommer
In heiliger Ruh
Des fern verstrahlenden Weinbergs;
Schatten nun im kühlen Schoß
Der Nacht, trauernde Adler.
So leise schließt ein mondener Strahl
Die purpurnen Male der Schwermut.
3.
Ihr großen Städte
steinern aufgebaut
in der Ebene!
So sprachlos folgt
der Heimatlose
mit dunkler Stirne dem Wind,
kahlen Bäumen am Hügel.
Ihr weithin dämmernden Ströme!
Gewaltig ängstet
schaurige Abendröte
im Sturmgewölk.
Ihr sterbenden Völker!
Bleiche Woge
zerschellend am Strande der Nacht,
fallende Sterne.
Georg Trakl
(1887 – 1914)
Abendland
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Nähe des Todes
O der Abend, der in die finsteren Dörfer der Kindheit geht.
Der Weiher unter den Weiden
Füllt sich mit den verpesteten Seufzern der Schwermut.
O der Wald, der leise die braunen Augen senkt,
Da aus des Einsamen knöchernen Händen
Der Purpur seiner verzückten Tage hinsinkt.
O die Nähe des Todes. Laß uns beten.
In dieser Nacht lösen auf lauen Kissen
Vergilbt von Weihrauch sich der Liebenden schmächtige Glieder.
Georg Trakl
(1887 – 1914)
Nähe des Todes
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Verlorenes Lied
Ich bin arm und habe nichts.
Nichts! Garnichts!
Nichts als lange Haare –
Bin zweiundzwanzig Jahre –
Sind rotes Gold, meine Haare,
Sagen die Kaufleut’ mir.
Ich bin arm und habe nichts.
Nichts! Garnichts!
Nichts als gemalte Brauen –
Fluch den ehrbaren Frauen! –
Sind tintenschwarz, meine Brauen,
Sagen die Schreiber mir.
Ich bin arm und habe nichts.
Nichts! Garnichts!
Nichts als kecke Blicke –
Weißt du, wem ich sie schicke ? –
Sind scharfes Schrot, meine Blicke,
Sagen die Jäger mir.
Ich bin arm und habe nichts.
Nichts! Garnichts!
Nichts als reife Lippen –
Tugend fährt über Klippen –
Sind kirschensüß, meine Lippen,
Sagen die Gärtner mir.
Ich bin arm und habe nichts.
Nichts! Garnichts!
Nichts als geschmeidige Sohlen –
Ei, in der Schenke das Johlen! –
Sind zum Tanzen gemacht, meine Sohlen,
Sagen die Spielleut’ mir.
Ich bin arm und habe nichts.
Nichts! Garnichts!
Nichts als weiße Glieder –
Blankes Gold lockert mein Mieder –
Sind Flammen der Lust, meine Glieder,
Sagst heute nacht du mir.
Ich bin arm und habe nichts.
Nichts! Garnichts!
Nichts als ein Leben in Schande,
Einen Tod am Straßenrande –
Einst in zerlumptem Gewande
Scharrt man mich ein im Sande.
Wo ? Sagt keiner mir.
Ich bin arm und habe nichts.
Nichts! Garnichts!
Nichts als die heimliche Zähre –
Daß ich so arm nicht wäre! –
Nur meine Dirnenehre!
Vom Strauch fällt die tausendste Beere;
Fault sie, wer sucht nach ihr ?
Sterb’ ich, wer weint nach mir?
Gertrud Kolmar
(1894 – 1943)
Verlorenes Lied
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In Venedig
Stille in nächtigem Zimmer.
Silbern flackert der Leuchter
Vor dem singenden Odem
Des Einsamen;
Zaubrisches Rosengewölk.
Schwärzlicher Fliegenschwarm
Verdunkelt den steinernen Raum
Und es starrt von der Qual
Des goldenen Tags das Haupt
Des Heimatlosen.
Reglos nachtet das Meer.
Stern und schwärzliche Fahrt
Entschwand am Kanal.
Kind, dein kränkliches Lächeln
Folgte mir leise im Schlaf.
Georg Trakl
(1887 – 1914)
In Venedig
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Soldatenmädchen
Und wenn du Männer zwingen willst,
So mußt du rasch dich rüsten
Und, eh’ im West der Schnee noch schmilzt,
Marschier’n nach Frankreichs Küsten.
Und wenn du Mädchen zwingen willst,
So weck’ nur dein Gelüsten,
Und ruh’ heut’ nacht, daß du es stillst,
An meinen weißen Brüsten.
Und was der Leute Mund drob’ red’t,
Den Spott will ich ertragen;
Wenn dir der Feind nicht widersteht,
Wie sollt’s dein Lieb wohl wagen ?
Ein heißes Herz ist noch kein Fehl,
Ein’ tapfre Seel’ kein Schaden,
Und wenn sich fanden Herz und Seel’,
Wird uns der Himmel gnaden.
Denn so ist dein und mein Geschick:
Dir schuf der Schmied die Waffen;
Den ros’gen Mund, den dunklen Blick,
Die hat mir Gott geschaffen.
Der Schuster hat die Schuh’ gemacht,
Die deinen Weg betraten,
Vom Schneider hab’ ich meine Tracht,
Mein Kindlein vom Soldaten.
Gertrud Kolmar
(1894 – 1943)
Soldatenmädchen
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Sonja
Abend kehrt in alten Garten;
Sonjas Leben, blaue Stille.
Wilder Vögel Wanderfahrten;
Kahler Baum in Herbst und Stille.
Sonnenblume, sanftgeneigte
Über Sonjas weißes Leben.
Wunde, rote, niegezeigte
Läßt in dunklen Zimmern leben,
Wo die blauen Glocken läuten;
Sonjas Schritt und sanfte Stille.
Sterbend Tier grüßt im Entgleiten,
Kahler Baum in Herbst und Stille.
Sonne alter Tage leuchtet
Über Sonjas weiße Brauen,
Schnee, der ihre Wangen feuchtet,
Und die Wildnis ihrer Brauen.
Georg Trakl
(1887 – 1914)
Sonja
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