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Tjitske Jansen: Iedereen moet ergens zijn

Het moment dat een kind opeens weet: ik besta. Weinigen weten de taal te vinden om die ervaring op te schrijven; Tjitske Jansen kan dat.

Kraakhelder: ‘Als elfjarige kwam ik op een middag de trap af en wist ik dat ik er was en er niet meer zomaar niet kon zijn. Ik bestond. Daar had ik zelf niet zoveel over te zeggen.’ Zoals uit de titel zowel vervreemding als aanvaarding spreekt, zo is de ‘ik’ even ontredderd als wijs, even verward als begripvol.

Die ‘ik’ is een kind dat zich vragen stelt. Over opgroeien, over haar lichaam, over God, over pleegouders, over de fietsenmaker, over zekerheden van anderen, over de tijd. ‘Ik was bijna tien. Dat was snel gegaan. Ik was dus eigenlijk al bijna twintig, dertig, veertig, vijftig, zestig, zeventig, tachtig.’ Zo dreigend kan het besef van de eindigheid zijn. Zo onontkoombaar kun je dat opschrijven.

Tjitske Jansen (1971) combineert in wat ze schrijft als vanzelf poëzie, proza en theater. Al vanaf haar vroegste bundels, de bestsellers Het moest maar eens gaan sneeuwen en Koerikoeloem, treedt ze veel op en geeft ze met grote inzet les over schrijven, poëzie en performance aan middelbare scholieren. Haar werk werd genomineerd voor De Bronzen Uil en bekroond met de Anna Bijns Prijs

Tjitske Jansen
Iedereen moet ergens zijn
Hardcover
ISBN: 9789021425825
09-03-2021
Prijs: € 18,99

• fleursdumal.nl magazine

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Maria Janitschek : Das neue Weib (Novelle)

Maria Janitschek

Das neue Weib

Frau Selma Knolle liebte die Einsamkeit und schwärmte vom völligen Abgeschlossensein von der Welt. Deshalb veranstaltete sie jede Woche einen Empfangsabend, an dem sich über ein halbes Hundert Menschen in ihrem Hause zusammenfanden. Sie betete die Wahrheit an, und ihre Busenfreundin war eine – Spiritistin; sie stellte die höchsten Anforderungen an die Sittenreinheit des Weibes, und ihre Abgötterei galt einer vierzigjährigen Dame, die noch vor Thorschluss das Jungfernkränzchen abgelegt hatte, um die interessanten Umstände kennen zu lernen.

Frau Selma Knolle hatte als Mädchen immer für das Cölibat geschwärmt, deshalb heiratete sie einen athletisch gebauten Mann, der schon von zwei Gattinnen geschieden war. Sie bekam vier Kinder von ihm. Er war ein verteufelt schlauer Bursche, der Doktor. Dem Zug seiner Zeit folgend, hatte er viele Reisen gemacht, sechsmal seinen Beruf gewechselt, sein Vermögen verloren, wieder erworben, abermals verloren, sich durch gute Partien wieder rangiert, aber, zu vielseitig begabt für einen Ehemann, schlechten Erfolg mit seinen Gattinnen gehabt. Zum Schluss war ihm diese grosse, blonde Frau mit dem weichen Fleisch begegnet, die ihm resolut sagte:

»Deine andern Gattinnen verstanden dich nicht, ich aber verstehe dich und bin die Richtige für dich.« Da hatte er zum drittenmal eingewilligt, einer schönen Frau zu einem Irrtum zu verhelfen. In den ersten vier Jahren war sie beständig schwanger und konnte sich seiner nicht so erfreuen, wie sie es gewünscht hätte. Dann musste er – er behauptete es wenigstens – eine Reise um die Welt machen. Als er wiederkehrte, hatte er allerlei Marotten mitgebracht.

Er zog z.B. ihre langen Nachthemden an und setzte sich in diesem Aufzug in ein künstlich verdunkeltes Zimmer, um »nachzudenken«. Er behauptete, dann erhabene Gesichte zu haben, die er nach seinem Tod aufzeichnen wollte. Manchmal verschmähte er sogar ihre Nachthemden und sie fand ihn als Adam verkleidet. Schliesslich fing sie an, an seinem Verstand zu zweifeln und eilte, einen Nervenarzt zu holen. Der blieb sehr lange bei Knolle, und als er dessen Zimmer verliess, machte er ein sehr vergnügliches Gesicht, drückte ihr beruhigend die Hand, erkundigte sich teilnahmsvoll nach ihrem Gesundheitszustand und verschrieb ihr Pillen. Sie verstand das alles sich zwar nicht zusammenzureimen, doch war sie zufrieden, dass ihrem Bibibi, wie sie den Athleten nannte, nichts Ernsthaftes fehle. Sie überlegte, zu welchem Beruf sie ihm raten sollte.

Und da sie im Grunde doch an seinem gesunden Verstand zweifelte, kaufte sie ihm eine Zeitung, deren Leitung er zugleich übernehmen sollte.

Sie kalkulierte ganz richtig, dass es für einen Mann von seiner Begabung keine passendere Beschäftigung geben konnte. Bibibi, der Bibibi, der drei strenge Jungfrauen zum Altar geführt hatte – nicht alle seine Jungfrauen hatte er zum Altar geführt! -, kehrte glücklich das Unterste seiner Überzeugungen nach oben. Er nahm nur Ehebruchsromane für seine Zeitung an und lehnte kaltblütig alle andern litterarischen Anerbieten ab. Der Ehebruch musste natürlich in einer verdeckten Schüssel und mit Gewürz aus den Beeten der Romantik serviert sein. Ferner nahm er nur von Damen Arbeiten an. Diese Damen durften indes nicht das vierundzwanzigste Jahr überschritten haben, um noch »ihre ganze Frische« dem Publikum bieten zu können. Zum Schluss pflegte er mit jeder Verfasserin, von der er eine Arbeit acceptierte, die letzten Abmachungen in einem Hotel zu treffen, »weil er da ungestörter sei, als in den unruhigen Redaktionsräumen.«

Sein Lesekomitee, d.h. die jede eingelaufene Arbeit Prüfenden, bestand aus ihm geistig verwandten Weibern in Männerröcken. Daneben hatte er unter andern Kritikern besonders zwei engagiert, die einer gewissen Berühmtheit genossen. Der eine machte alles nieder, was er las, der andere war ein Genie; der machte sogar das nieder, was er nicht gelesen hatte.

Und der Verleger gedieh und die Mitarbeiter gediehen und die Zeitung gedieh. Bibibi machte einen Ableger von ihr und gründete eine kleine illustrierte Zeitschrift. Das Genie schimpfte diese neue Zeitschrift in Grund und Boden nieder, so dass Bibibi sofort eine zweite, die besser sein sollte, erscheinen liess. Die Schimpferei war natürlich nur ein Trick gewesen, um zwei neuen Zeitschriften zum Dasein zu verhelfen. Bibibi war eben ein grosser Schlaukopf und wusste genau, wie man das Zeug anfasste. Frau Selma schwamm in Wonne. Sie erkannte jetzt, dass ihres Mannes anscheinende Verrücktheit nur Schlauheit war. Sowie er sich auf den richtigen Platz gestellt sah, waren alle in ihm schlummernden Fähigkeiten erwacht.

Er schmeichelte der verkappten Lüsternheit des Publikums und gab ihr fette Bissen, aber nur von der langen Sauce scheinheiliger Frömmelei begossen. Ohne diese nie, denn er war sehr für die Moral seiner Leser besorgt. Man sündigte hier nur in verdunkelten Ecken. Die Sonne durfte es nicht sehen. Nackt zu gehen war verboten, die Röckchen zu lüpfen erlaubt. Wo sich in einem Roman eine Gestalt fand, die gegen Anfechtungen kämpfte, wurde der Roman zurückgewiesen. Anständige, d.h. kluge Leute haben keine Anfechtungen, entschied der Chefredakteur; denn wenn sie solche haben, kommt es nicht an den Tag. Wird aber ein Mensch mit Anfechtungen geschildert, so muss er gleich als niederträchtiger Kerl hingestellt werden. Frau Selma und das Publikum glaubten an die strenge Moral des grossen Bibibi. Nur eins konnte Selma nicht recht verstehen: diese Kontraktabschlüsse im Hotel.

Einmal brachte sie es durch Schlauheit und Thürenhorcherei dahin, in Erfahrung zu bringen, wann er seine nächsten Abmachungen mit einem neuen litterarischen Stern im Hotel haben würde. Eine Stunde vorher fuhr sie dicht verschleiert, eine Handtasche tragend, dahin und liess sich die Stube neben dem vereinbarten Zimmer geben. Nach einer geraumen Zeit hörte sie endlich die beiden eintreten. Sie vernahm Bibibis Stimme und eine schüchterne zweite, die der Frau A.B., einer jung verheirateten Dame, angehörte.

Selma legte hochaufhorchend das Ohr an die Thür. Zuerst hörte sie nur ein vergnügliches Grunzen, wie Bibibi von sich gab, wenn er glücklich küsste. Dann kamen wohlbekannte Laute, so wie sie zu Anfang ihrer Ehe ihr selbst entflohen waren, wenn Bibibi gar zu stürmisch zu seinem Recht gelangen wollte. Dann verriet das Knarren einer indiskreten Bettstatt allerlei, was Selma besser verborgen geblieben wäre. Dann folgte die feierliche Stille nach dem Sturm.

Selma hatte sich behutsam auf den Boden niedergelassen, denn das Stehen wurde ihr unbequem. Später hörte sie eine pipsende Stimme jammern: »O Gott, mein armer Mann, mein armer Mann! Was wird er bloss sagen, wenn das Essen um Eins nicht fertig ist; o ich muss nach Hause!« …

Man hörte allerlei rauschen, dann Wassergeriesel, dann flüsterte Bibibi: »Lass mich zuerst hinab, Kindchen, ich mache alles beim Portier ab, ich habe fürchterliche Eile. Die Fahnen müssen um 12 Uhr nach der Druckerei und jetzt ist’s dreiviertel auf Zwölf. Den Kontrakt erhältst du morgen. Der Roman erscheint in sechs Wochen, wir bringen dein Vollbild und du bekommst dreitausend Mark Honorar für den Erstabdruck. Hab vielen Dank, mein Herz. Das nächste Mal machen wir’s mit mehr Musse. Adieu!«

Frau Selma erhob sich von ihrem Lauscherposten. War das ein Rückfall in seine Verrücktheit gewesen? Gewiss, nur das konnte es sein! Sie sah ihn grübelnd, forschend beim Mittagessen an und gab ihm drei Abende hindurch keinen[204] Gutenachtkuss. Aber sie horchte von nun an viel an der Thür, die in das Redaktionszimmer führte, in dem er allein arbeitete.

Sie brachte allerlei in Erfahrung. Wie Schriftstellerinnen oft zu ihrem Ruhm kamen. Wie andere abgewiesen wurden, weil sie bei gewissen Zumutungen hochmütig aufgefahren waren. Weshalb die Belletristik das fast ausschliesslich vom Weibe beherrschte Gebiet geworden war. Wie dem Publikum eine Geschmacksrichtung aufgedrängt wurde, die nur von der jeweiligen Appetitsverschiedenheit des Chefredakteurs abhing. Wie die Guillotine der Kritik ohne Hirn und Vernunft arbeitete. Wie immer weniger ernsthafte Männer auf dem schöngeistigen Arbeitsfeld mitkämpfen wollten …

Sie verwunderte sich über manches, aber sie war zu sehr Weib, um ihre persönliche Sache nicht als Hauptsache zu empfinden. Sie horchte weiter und sie vernahm noch verschiedene »Vereinbarungen«. Nur um ihr schlecht wiedergegebenes Bild in eine Tageszeitung zu lancieren, ergaben sich manche dieser jungen Frauen den Launen Bibibis.

Nein, Bibibi, kein Verrückter bist du, eine menschliche Bestie bist du, schluchzte die arme Frau Selma im Nebenzimmer. Aber warte, ich will mich an dir rächen, dass du wirklich verrückt werden sollst. Vor allem dafür, dass du mich in Bezug auf deine eheliche Treue irre geführt hast. Oder hast du mich überhaupt nie an sie glauben machen wollen und – ich selbst habe mich im Glauben an sie bestärkt? Dann sollst du es doppelt büssen, denn was man selbst Dummes begeht, daran ist immer der andere schuld … Und Selma, bis zum Rand mit Wut und Erbitterung gefüllt, vergass ihren Stolz, stellte sich mit anderm weiblichen Federvieh auf eine Stufe und schrieb ein Buch. Sie nannte es: »Das seid Ihr!« Schon das erste Wort, mit dem wir empfangen werden, begann sie, ist ein geringschätziges. Nur ein Mädchen! Oder heisst es in den meisten Fällen nicht so, wenn die sage femme uns in die Arme des Vaters legt? Dann später werden wir von unsern uns an Kraft überlegenen Brüdern gefoppt, übervorteilt, misshandelt. Die öden Jahre der Bleichsucht beginnen. Unlustig, von einem Gefühl der Dumpfheit und Schwere gequält, schleppen wir uns dahin, bis ein Tag uns das mit mancherlei körperlichen Leiden erkaufte Siegel aufdrückt, dass wir nun zum Gebären reif sind. Haben wir Geld und ein hübsches Gesicht, so ist bald der Freier da, der um uns wirbt. Nach einer unnatürlich verlebten Verlobungszeit, in der wir unser erwachendes Temperament verleugnen und Komödie spielen müssen, werden wir endlich zum Traualtar geführt. Die heimlich tausendmal ersehnte Hochzeitsnacht ist da. Anstatt der werbenden Zärtlichkeit des Geliebten zu begegnen, werden wir von einem keuchenden, brünstigen Gewalthaber genotzüchtigt, der vom Priester und unsern Eltern das Recht dazu empfangen hat. Nach Schmerzen und Demütigungen mancherlei Art werden wir endlich schwanger. Fast ein Jahr widriger Verunstaltung, widriger Krankheitszustände, dann kommt die Stunde, wo unserer Schamhaftigkeit der letzte Schleier entrissen wird. Nackt wie ein Tier, in Bewusstlosigkeit versetzt, oder im Krampf verzerrt, ruhen wir hilflos vor den Augen eines fremden Mannes, des Arztes, der oft noch Kollegen an der Seite hat. Man wühlt in unserm Körper, verspritzt unser Blut und legt sorgsam Verbände und Salben zurück fürs »nächste« Mal. Noch kaum von unsern Wunden geheilt, findet uns die neu aufflammende Gier des Mannes, zu der sich vielleicht noch der Kitzel der Grausamkeit gesellt. Nach elf Monaten machen wir die Schlachtscene aufs neue durch. Und so weiter. Eines Tages aber harren wir vergebens der Liebkosungen unseres Gatten. Er ist unserer satt geworden. Die Liebeskunststücke, die er uns gelehrt hat, besitzen keinen Reiz mehr für ihn. Nun geht er zu andern Frauen, um neue einzuüben. Aber die können wir nicht mehr erlernen, denn unser Körper, von ihm gebrochen und zerstört, hat keine Kraft mehr in seinen Muskeln. Wir sind schlaff geworden. Wenn er ehrlich ist, sagt er uns die Wahrheit mit offenem Visier; wenn er feig ist, betrügt er uns hinter unserm Rücken …

Und nun begann die feurige Anklage gegen den einen. Das ganze Buch war so persönlich gehalten, dass jeder sofort wusste, Bibibi sei hier in die Hände einer Überlegnen geraten, die ihn durchschaute. Die Frauen alle, die geknechteten, geopferten, misshandelten, umringten ihre mutige Schwester, das neue Weib, die erste, die es gewagt hatte, ihren Tyrannen offen an den Pranger zu stellen. Sie drückten ihr die Hände, wenn sie sie auf der Strasse trafen, sie schrieben ihr danküberströmende Briefe.

Sie war mit einem Male die Heldin der unterdrückteren Hälfte der Menschheit geworden. Man war aufs höchste darauf gespannt, wie sie nun ihre edlen revolutionären Ideen in Thaten umsetzen würde; denn nach diesem unerhörten Buch musste sie mit einem verächtlichen Fahrwohl von ihm, dem Knechter ihrer Individualität und Frauenwürde, scheiden. Einsame Arbeit in stolzer Unabhängigkeit würde ihr Märtyrerlos worden. Man bereitete sich vor, ihre Apotheose zu erleben.

Bibibi machte ein langes und immer längeres Gesicht. Alle Wetter! War er trotz aller Vorsichtsmassregeln doch noch zu unvorsichtig gewesen? Hatte sie Verdacht geschöpft? Hatte ihn eine seiner Freundinnen verraten? Ihm, dem Verfechter der öffentlichen Moral, war die Sache höchst unangenehm. Hauptsächlich jedoch deshalb, weil er sich als – unschlau erwiesen hatte. Wer wollte nicht lieber für einen Schurken als für einen dummen Kerl gelten? Nun, er hatte jetzt festen Boden unter seinen Füssen, mochte sie ihn schliesslich verlassen. Er liess doppelt empörte Tiraden gegen alle los, die einen Schritt vom Wege der breiten, fetten Moral thaten. Ja, er begann sich gegen das Weib zu wenden, dem die heiligsten Bande nicht zu ehrwürdig wären, um mit ihnen sein Spiel zu treiben. Er hing nicht so sehr an Selma, um eine Trennung von ihr als zu schweren Schicksalsschlag zu empfinden, aber den Skandal hasste er.

Seit sie wusste, dass er ihr Buch gelesen hatte, und das ungeheure Aufsehen ermass, das es erregte, ging sie ihm scheu aus dem Wege. Sie kannte seine herkulischen Kräfte, dazu seine Gereiztheit; wer weiss, was geschah. Auch ihre Bekannten dachten ähnlich und sahen sie schon als Opfer ihres Mutes, als Märtyrerin ihrer Ideen. Man erwartete bang die letzte Katastrophe.

Es gab Journalistinnen, die schon einen Nekrolog für sie im Pult bereit liegen hatten.

Da kam das, was die Wenigsten vorausgesetzt hatten …

Eines Abends, als sie von einem Gang heimkam, trat ihr Bibibi in den Weg.

»Magst du einen Augenblick bei mir eintreten?« fragte er mit eisiger Höflichkeit. Sie folgte ihm und blieb mit schlotternden Knieen an der Thür stehen. Er schritt gleichmütig auf und nieder.

»Ich habe also den Scheidungsprozess eingeleitet,« log er, »denn nach deinem persönlichen Angriff auf mich durfte ich unmöglich anders handeln. Ich ersuche dich nun, die Kinder so schonend wie möglich auf die Sache vorzubereiten. Das Gericht wird entscheiden, ob sie vater- oder mutterlos ihr junges Leben weiterführen sollen. Was mich betrifft, ich bin ein Mann der Arbeit, der Thätigkeit, mein Beruf wird mich über mein -,« er stockte, »über mein unverdientes Schicksal erheben. Und wenn -,« er stockte wieder, »wenn ich es nicht ertragen sollte, dann –«

In diesem Augenblick nahm die alte Eva, die alte Eva, die niemals auch aus dem »neuesten« Weibe auszutreiben ist, wieder Besitz von Frau Selma. Sie sank auf die Kniee und ergriff die Hände ihres Gatten.

»Bibibi, kannst du mir das Buch verzeihen?«

Er verstand sofort die Situation, die er als Menschenkenner vorausgeahnt hatte, und richtete sich auf.

»Nein!«

»Bibibi, bedenke, welche Qualen du mir verursacht hast; ich war toll geworden, ich sehe es jetzt ein, aber – verraten hast du mich doch, das kannst du nicht leugnen, denn ich war Zeugin.«

»Horcherin!« Er stiess sie verächtlich von sich und that einige Schritte.

Sie rutschte ihm auf den Knieen nach.

»Bibibi, schlage mich, aber verstosse mich nicht; ich liebe dich, auch wenn du mich mit Füssen trittst, mir andere vorziehst; lass mich nur neben dir sein, die letzte, die allerletzte, nur neben dir! Dir habe ich meine Kinder geboren, meine Jugend hingegeben, ich kann ja nicht von dir fort, verzeih mir …!«

Und Bibibi blickte auf sie herab. Das war also das neue Weib. Was war nun eigentlich das neue an ihm? War es mehr als seine gesteigerte – Redseligkeit, die sich in anklagenden Romanen, stürmischen Versammlungen, kampflustigen Vorträgen offenbarte? Er furchte die Stirne und hiess grossmütig Selma aufstehen …

Bei sich aber beschloss er, noch gründlichere Frauenstudien zu treiben …

Maria Janitschek: Die neue Eva, Leipzig 1902, S. 191-219.

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Maria Janitschek: Ein modernes Weib (Gedicht)

Ein modernes Weib

Ein Mann beleidigte ein Weib. Es war
Von jenen schnöden Thaten eine, die
Kein Weib vergessen und vergeben kann.
Geraume Zeit verstrich. Da eines Abends
Ward an die Thür des Frevlers laut gepocht.
Er rief: “Herein”, und sah voll tiefen Staunens,
In Trauerkleidern eine Frau vor sich.

Sie schlug den Schleier bald zurück. Er blickte
In ihre großen stolzerstarrten Augen,
In diese großen schmerzversengten Augen …
Er lächelte verlegen, denn ein Schauer
Erfaßte ihn … Er bot ihr höflich Platz,
Sie aber dankte, und mit ruhiger Stimme
Sprach sie zu ihm: “Du hast mich schwer beleidigt,
Es war nur Gott dabei … vor diesem Gott,
Vor dir, und mir allein, will ich den Flecken
Den Makel meiner Ehre, zugefügt
Von deiner Hand, verlöschen.
Höre nun!

Um dies zu thun, bleibt mir ein Mittel nur:
Ich kann nicht gehn, um einem fremden Menschen
Das was ich selbst mir kaum zu sagen wage,
Zu offenbaren. Für mich herrscht kein Richter,
Er wär′ denn blind und taub und stumm, deshalb
(Ein Schildern des Vergangenen glich′ aufs Haar
Der neuen That, hieß′ selber mich entehren),
Deshalb gibt′s eins nur: hier sind Waffen, wähle!”
Sie stellte auf den Tisch ein Kästchen hin
Und öffnete den Deckel. – –
Lange standen

Die beiden Menschen stumm. Er sah sie an,
Sie hielt das glänzend große Aug′ gerichtet
Fest auf die Waffen.
Plötzlich brach er aus
In lautes Lachen. Da durchglühte feurig
Ein tiefes Rot die farbenlosen Wangen
Der jungen Frau. Wie, wenn die ganze Antwort
Dies Lachen wär′? Sie hätte schreien mögen

Vor Wut und Elend. Aber sie bezwang sich,
Und sagte mild: “Wenn dir ein Unvorsichtiger
Zufällig auf den Fuß getreten wäre,
Du würdest ohne lange Ueberlegung
Ihm deine Karte in das Antlitz schleudern,
Nichts Lächerliches fändest du dabei.
Nun denk′: nicht auf den Fuß trat mir ein Mensch,
Mein Herz trat er in Stücke, meine Ehre!
Verlang′ ich mehr, als du verlangen würdest
Für einen unvorsichtigen Schritt, sag′ selbst,
Ist das nicht billig?”

Lächelnd sah er ih
Ins zornerglühte Antlitz. “Liebes Kind,
Du scheinst es zu vergessen, daß ein Weib
Sich nimmer schlagen kann mit einem Manne.
Entweder geh zum Richter, liebes Kind,
Gesteh ihm alles, gerne unterwerfe
Ich seinem Urteil mich. Nicht? Nun dann bleibt
Dir nur das eine noch: vergesse, was du
Beleidigung und Schmach nennst. Siehst du, Liebe,
Das Weib ist da zum Dulden und Vergeben …”
Jetzt lachte sie.

“Entweder Selbstentehrung
Wenn nicht, ein ruhiges Tragen seiner Schmach,
Und das, das ist die Antwort, die ein Mann
In unserer hellen Zeit zu geben wagt
Der Frau, die er beleidigt.”
“Eine andere
Wär′ gegen den Brauch.”
“So wisse, daß das Weib
Gewachsen ist im neunzehnten Jahrhundert,”
Sprach sie mit großem Aug′, und schoß ihn nieder.

Maria Janitschek
(1859 – 1927)
Gedicht
Ein modernes Weib

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James Joyce: Bahnhofstrasse

 

Bahnhofstrasse

The eyes that mock me sign the way
Whereto I pass at eve of day.

Grey way whose violet signals are
The trysting and the twining star.

Ah star of evil! star of pain!
Highhearted youth comes not again

Nor old heart’s wisdom yet to know
The signs that mock me as I go.

James Joyce
(1882-1941)
Bahnhofstrasse

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Arcana. A Stephen Jonas Reader

Arcana: A Stephen Jonas Reader is the first selection of his work to appear in 25 years.

With a biographical introduction and a postscript delving into recent discoveries concerning the poet’s birthplace and background, Arcana is a crucial corrective to our understanding of post-war American poetry, restoring Jonas to his rightful place among the period’s vanguard.

Featuring previously uncollected and unpublished work, a section of never-before-seen facsimiles from notebooks, and a generous selection from his innovative serial poem Exercises for Ear (1968), Arcana is a much-needed retrieval of an overlooked American poet, as well as a valuable contribution to African American and Queer literature.

Beginning in the 1950s until his untimely death at age 49, Stephen Jonas (1921-1970) was an influential if underground figure of the New American Poetry. A gay, African-American poet of self-obscured origins, heavily influenced by Ezra Pound and Charles Olson, the Boston-based Jonas was a pioneer of the serial poem and an erudite mentor to such acknowledged masters as Jack Spicer and John Wieners, even as he lived a shadowy existence among drug addicts, thieves, and hustlers.

Major publications include Love, the Poem, the Sea & Other Pieces Examined by Me (1957), Exerces for Ear (1968), and Selected Poems (1994).

“A true poet of modern classic culture in mid-twentieth century U.S.A.”—Allen Ginsberg

Title: Arcana
Subtitle: A Stephen Jonas Reader
Author: Stephen Jonas
Edited by Garrett Caples, Derek Fenner, David Rich, Joseph Torra
Introduction by Joseph Torra
Afterword by David Rich
Publisher: City Lights Publishers
African American poetry
Format Paperback
ISBN-10 0872867919
ISBN-13 9780872867918
Publication Date: 16 April 2019
Main content page count 264
List Price $21.95

# new books
Arcana
A Stephen Jonas Reader

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James Joyce: A Flower Given to My Daughter

 

A Flower
Given to My Daughter

Frail the white rose and frail are
Her hands that gave
Whose soul is sere and paler
Than time’s wan wave.

Rosefrail and fair — yet frailest
A wonder wild
In gentle eyes thou veilest,
My blueveined child.

James Joyce
(1882-1941)
A Flower Given to My Daughter

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His Hands Were Gentle. Selected Lyrics of Victor Jara

His Hands Were Gentle brings together, for the first time in both Spanish and English, the best of Víctor Jara’s lyrics, from early songs like ‘El arado’ to ‘Estadio Chile’ written in the hours before his execution there.

They reveal Jara as an ardent political poet, an eloquent advocate for the peasantry from which he arose, a socialist visionary and a poetic balladeer of the highest order.

Translations by Martín Espada, Eduardo Embry, John Green, Joan Jara and Adrian Mitchell.

Foreword by Joan Jara, Preface by Emma Thompson, Introduction by Martín Espada.

Víctor Jara (1932–73) was a legendary Chilean singer, songwriter, guitarist and theatre director. Between 1966 and 1973 he released eight albums, such as Canto libre and El derecho de vivir en paz. He was a member of the Communist Party of Chile, a prominent supporter of Salvador Allende’s Popular Unity government, and a leader of the New Song Movement during the cultural renaissance of the Allende years. In the days following the US–backed military coup of September 11, 1973, Jara was arrested, imprisoned and murdered. His recordings were banned for many years in Chile.

On my way to work
I think of you,
through the streets of the town
I think of you,
when I look at the faces
through steamy windows
not knowing who they are, where they go…
I think of you
my love, I think of you
of you, compañera of my life
and of the future
of the bitter hours and the happiness
of being able to live
working at the beginning of a story
without knowing the end.

(…)

When I come home
you are there
and we weave our dreams together…
Working at the beginning of a story
without knowing the end.

(From: On My Way to Work/ Cuando voy al trabajo.
Translated by Joan Jara)

His Hands Were Gentle brings together, for the first time in both Spanish and English, the best of V¡ctor Jara’s lyrics, from early songs like ‘El arado’ to ‘Estadio Chile’ written in the hours before his execution there. They reveal Jara as an ardent political poet, an eloquent advocate for the peasantry from which he arose, a socialist visionary and a poetic balladeer of the highest order. Translations by Martin Espada, Eduardo Embry, John Green, Joan Jara and Adrian Mitchell.

His Hands Were Gentle
Selected Lyrics of Victor Jara
Martin Espada (Editor)
Translations by Martín Espada, Eduardo Embry, John Green, Joan Jara and Adrian Mitchell.
Foreword by Joan Jara,
Preface by Emma Thompson,
Introduction by Martín Espada.
Paperback
84 pages
Publisher: Smokestack Books
Bilingual edition
2014
Language: English
ISBN-10: 0956814417
ISBN-13: 978-0956814418
Price: £8.95

# more poetry
His Hands Were Gentle
Selected Lyrics of Victor Jara

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James Joyce: Be Not Sad

 

Be Not Sad

Be not sad because all men
Prefer a lying clamour before you:
Sweetheart, be at peace again — –
Can they dishonour you?

They are sadder than all tears;
Their lives ascend as a continual sigh.
Proudly answer to their tears:
As they deny, deny.

James Joyce
(1882-1941)
Be Not Sad

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James Joyce: The Twilight Turns

 

The Twilight Turns

The twilight turns from amethyst
To deep and deeper blue,
The lamp fills with a pale green glow
The trees of the avenue.

The old piano plays an air,
Sedate and slow and gay;
She bends upon the yellow keys,
Her head inclines this way.

Shy thought and grave wide eyes and hands
That wander as they list — –
The twilight turns to darker blue
With lights of amethyst.

James Joyce
(1882-1941)
The Twilight Turns

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James Joyce: Lean Out of the Window

  

Lean Out of the Window

Lean out of the window,
Goldenhair,
I hear you singing
A merry air.

My book was closed,
I read no more,
Watching the fire dance
On the floor.

I have left my book,
I have left my room,
For I heard you singing
Through the gloom.

Singing and singing
A merry air,
Lean out of the window,
Goldenhair.

James Joyce
(1882-1941)
Lean Out of the Window

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Michelle Witen: James Joyce and Absolute Music

Drawing on draft manuscripts and other archival material, James Joyce and Absolute Music, explores Joyce’s deep engagement with musical structure, and his participation in the growing modernist discourse surrounding 19th-century musical forms.

Michelle Witen examines Joyce’s claim of having structured the “Sirens” episode of his masterpiece, Ulysses, as a fuga per canonem, and his changing musical project from his early works, such as Dubliners and A Portrait of the Artist as a Young Man.

Informed by a deep understanding of music theory and history, the book goes on to consider the “pure music” of Joyce’s final work, Finnegans Wake.

Demonstrating the importance of music to Joyce, this ground-breaking study reveals new depths to this enduring body of work.

Towards a Modernist Condition of Absolute Music – Joyce’s Early Use of Music – Joyce’s fuga per canonem: A Case of Structure – Joyce’s fuga per canonem: A Case of Effect – Voided Fugue in “Circe” – “It’s Pure Music”: Finnegans Wake

Michelle Witen is Postdoctoral Teaching and Research Fellow at the University of Basel, Switzerland.

Michelle Witen
James Joyce and Absolute Music
Published: 22-02-2018
Format: Hardback
Edition: 1st
Extent: 320 p.
ISBN: 9781350014220
Imprint: Bloomsbury Academic
Series: Historicizing Modernism
Illustrations: 9 bw illus
Dimensions: 234 x 156 mm
RRP: £85.00

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James Joyce: I Would in That Sweet Bosom Be

  

I Would in That Sweet Bosom Be

I would in that sweet bosom be
(O sweet it is and fair it is!)
Where no rude wind might visit me.
Because of sad austerities
I would in that sweet bosom be.

I would be ever in that heart
(O soft I knock and soft entreat her!)
Where only peace might be my part.
Austerities were all the sweeter
So I were ever in that heart.

James Joyce
(1882-1941)
I Would in That Sweet Bosom Be

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