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Rilke, Rainer Maria

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RAINER MARIA RILKE: AUF EINMAL

Rilke_RM11

Rainer Maria Rilke
(1875-1926)

Auf einmal

I
Auf einmal faßt die Rosenpflückerin
die volle Knospe seines Lebensgliedes,
und an dem Schreck des Unterschiedes
schwinden die [linden] Gärten in ihr hin

II
Du hast mir, Sommer, der du plötzlich bist,
zum jähen Baum den Samen aufgezogen.
(innen Geräumige, fühl in dir den Bogen
der Nacht, in der er mündig ist.)
Nun hob er sich und wächst zum Firmament,
ein Spiegelbild das neben Bäumen steht.
O stürz ihn, daß er, umgedreht
in deinen Schoß, den Gegen-Himmel kennt,
in den er wirklich bäumt und ragt.
Gewagte Landschaft, wie sie Seherinnen
in Kugeln schauen. Jenes Innen
in das das Draußensein der Sterne jagt.
[Dort tagt der Tod, der draußen nächtig scheint.
Und dort sind alle, welche waren,
mit allen Künftigen vereint
Und Scharen scharen sich um Scharen
wie es der Engel meint.]

III
Mit unsern Blicken schließen wir den Kreis,
daß weiß in ihm wirre Spannung schmölze.
Schon richtet dein unwissendes Geheiß
die Säule auf in meinem Schamgehölze.

Von dir gestiftet steht des Gottes Bild
am leisen Kreuzweg unter meinem Kleide;
mein ganzer Körper heißt nach ihm. Wir beide
sind wie ein Gau darin der Zauber gilt.

Doch Hain zu sein und Himmel um die Herme
das ist an dir. Gieb nach. Damit
der freie Gott inmitten seiner Schwärme
aus der entzückt zerstörten Säule tritt.

IV
Schwindende, du kennst die Türme nicht.
Doch nun sollst du einen Turm gewahren
mit dem wunderbaren
Raum in dir. Verschließ dein Angesicht.
Aufgerichtet hast du ihn
ahnungslos mit Blick und Wink und Wendung.
Plötzlich starrt er von Vollendung,
und ich, Seliger, darf ihn beziehn.
Ach wie bin ich eng darin.
Schmeichle mir, zur Kuppel auszutreten:
um in deine weichen Nächte hin
mit dem Schwung schoßblendender Raketen
mehr Gefühl zu schleudern, als ich bin.

V
Wie hat uns der zu weite Raum verdünnt.
Plötzlich besinnen sich die Überflüsse.
Nun sickert durch das stille Sieb der Küsse
des bittren Wesens Alsem und Absynth.

Was sind wir viel, aus meinem Körper hebt
ein neuer Baum die überfüllte Krone
und ragt nach dir: denn sieh, was ist er ohne
den Sommer, der in deinem Schoße schwebt.
Bist du’s bin ich’s, den wir so sehr beglücken?
Wer sagt es, da wir schwinden. Vielleicht steht
im Zimmer eine Säule aus Entzücken,
die Wölbung trägt und langsamer vergeht.

VI
Wem sind wir nah? Dem Tode oder dem,
was noch nicht ist? Was wäre Lehm an Lehm,
formte der Gott nicht fühlend die Figur,
die zwischen uns erwächst. Begreife nur:
das ist mein Körper, welcher aufersteht.
Nun hilf ihm leise aus dem heißen Grabe
in jenen Himmel, den ich in dir habe:
daß kühn aus ihm das Überleben geht.
Du junger Ort, der tiefen Himmelfahrt.
Du dunkle Luft voll sommerlicher Pollen.
Wenn ihre tausend Geister in dir tollen,
wird meine steife Leiche wieder zart.

VII
Wie rief ich dich. Das sind die stummen Rufe,
die in mir süß geworden sind.
Nun stoß ich dich Stufe ein um Stufe
und heiter steigt mein Samen wie ein Kind.
Du Urgebirg der Lust: auf einmal springt
er atemlos zu deinem innern Grate.
O gieb dich hin, zu fühlen wie er nahte;
denn du wirst stürzen, wenn er oben winkt.

Rainer Maria Rilke: [Sieben Gedichte], aus: R. M. Rilke: Werke. Kommentierte Ausgabe in vier Bänden. Bd. 2, Frankfurt/Main; Leipzig 1996
Rainer Maria Rilke poetry
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Hans Hermans Natuurdagboek: Immer wieder, ob wir der Liebe Landschaft

 

Immer wieder, ob wir der Liebe Landschaft

Immer wieder, ob wir der Liebe Landschaft auch kennen

und den kleinen Kirchhof mit seinen klagenden Namen

und die furchtbar verschweigende Schlucht, in welcher die andern

enden: immer wieder gehn wir zu zweien hinaus

unter die alten Bäume, lagern uns immer wieder

zwischen die Blumen, gegenüber dem Himmel.

 

Rainer Maria Rilke

(1875-1926)

 

Hans Hermans photos – Natuurdagboek 03-12

Gedicht Rainer Maria Rilke

≡ Website Hans Hermans

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Hans Hermans photos; Rainer Maria Rilke poem

Purpurrote Rosen binden

 

Purpurrote Rosen binden

möcht ich mir für meinen Tisch

und, verloren unter Linden,

irgendwo ein Mädchen finden,

klug und blond und träumerisch.

 

Möchte seine Hände fassen,

möchte knieen vor dem Kind

und den Mund, den sehnsuchtblassen,

mir von Lippen küssen lassen,

die der Frühling selber sind.

 

Rainer Maria Rilke

(1875-1926)

Hans Hermans Natuurdagboek

Poem: Rainer Maria Rilke – Photos: Hans Hermans – April 2011

♦ Website Hans Hermans

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Photos & poetry: Ton van Kempen, Autumn 1

Rainer Maria Rilke

(1875-1926)

 

Autumn Day


Lord: it is time. The summer was immense.
Lay your shadow on the sundials
and let loose the wind in the fields.

Bid the last fruits to be full;
give them another two more southerly days,
press them to ripeness, and chase
the last sweetness into the heavy wine.

Whoever has no house now will not build one
anymore.
Whoever is alone now will remain so for a long
time,
will stay up, read, write long letters,
and wander the avenues, up and down,
restlessly, while the leaves are blowing.

Ton van Kempen photos: Autumn 1

R.M. Rilke poetry

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Rainer Maria Rilke: Menschen bei Nacht

Rainer Maria Rilke

(1875-1926)

Menschen bei Nacht

Die Nächte sind nicht für die Menge gemacht.
Von deinem Nachbar trennt dich die Nacht,
und du sollst ihn nicht suchen trotzdem.
Und machst du nachts deine Stube licht,
um Menschen zu schauen ins Angesicht,
so mußt du bedenken: wem.
Die Menschen sind furchtbar vom Licht entstellt,
das von ihren Gesichtern träuft,
und haben sie nachts sich zusammengesellt,
so schaust du eine wankende Welt
durcheinandergehäuft.
Auf ihren Stirnen hat gelber Schein
alle Gedanken verdrängt,
in ihren Blicken flackert der Wein,
an ihren Händen hängt
die schwere Gebärde, mit der sie sich
bei ihren Gesprächen verstehn;
und dabei sagen sie: Ich und Ich
und meinen: Irgendwen.

 

 

Rainer Maria Rilke: Menschen bei Nacht

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Rainer Maria Rilke: Erinnerung

Rainer Maria Rilke

(1875-1926)

 

Erinnerung

Und du wartest, erwartest das Eine,
das dein Leben unendlich vermehrt;
das Mächtige, Ungemeine,
das Erwachen der Steine,
Tiefen, dir zugekehrt.

Es dämmern im Bücherständer
die Bände in Gold und Braun;
und du denkst an durchfahrene Länder,
an Bilder, an die Gewänder
wiederverlorener Fraun.

Und da weißt du auf einmal: das war es.
Du erhebst dich, und vor dir steht
eines vergangenen Jahres
Angst und Gestalt und Gebet.

 

Rainer Maria Rilke: Erinnerung

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Rainer Maria Rilke: Requiem. Für Wolf Graf von Kalckreuth

Rainer Maria Rilke

(1875-1926)

 

R e q u i e m

Für Wolf Graf von Kalckreuth


SAH ich dich wirklich nie? Mir ist das Herz

so schwer von dir wie von zu schwerem Anfang,

den man hinausschiebt. Daß ich dich begänne

zu sagen, Toter der du bist; du gerne,

du leidenschaftlich Toter. War das so

erleichternd wie du meintest, oder war

das Nichtmehrleben doch noch weit vom Totsein?

Du wähntest, besser zu besitzen dort,

wo keiner Wert legt auf Besitz. Dir schien,

dort drüben wärst du innen in der Landschaft,

die wie ein Bild hier immer vor dir zuging,

und kämst von innen her in die Geliebte

und gingest hin durch alles, stark und schwingend.

O daß du nun die Täuschung nicht zu lang

nachtrügest deinem knabenhaften Irrtum.

Daß du, gelöst in einer Strömung Wehmut

und hingerissen, halb nur bei Bewußtsein,

in der Bewegung um die fernen Sterne

die Freude fändest, die du von hier fort

verlegt hast in das Totsein deiner Träume.

Wie nahe warst du, Lieber, hier an ihr.

Wie war sie hier zuhaus, die, die du meintest,

die ernste Freude deiner strengen Sehnsucht.

Wenn du, enttäuscht von Glücklichsein und Unglück,

dich in dich wühltest und mit einer Einsicht

mühsam heraufkamst, unter dem Gewicht

beinah zerbrechend deines dunkeln Fundes:

da trugst du sie, sie, die du nicht erkannt hast,

die Freude trugst du, deines kleinen Heilands

Last trugst du durch dein Blut und holtest über.


Was hast du nicht gewartet, daß die Schwere

ganz unerträglich wird: da schlägt sie um

und ist so schwer, weil sie so echt ist. Siehst du,

dies war vielleicht dein nächster Augenblick;

er rückte sich vielleicht vor deiner Tür

den Kranz im Haar zurecht, da du sie zuwarfst.


O dieser Schlag, wie geht er durch das Weltall,

wenn irgendwo vom harten scharfen Zugwind

der Ungeduld ein Offenes ins Schloß fällt.

Wer kann beschwören, daß nicht in der Erde

ein Sprung sich hinzieht durch gesunde Samen;

wer hat erforscht, ob in gezähmten Tieren

nicht eine Lust zu töten geilig aufzuckt,

wenn dieser Ruck ein Blitzlicht in ihr Hirn wirft.

Wer kennt den Einfluß, der von unserm Handeln

hinüberspringt in eine nahe Spitze,

und wer begleitet ihn, wo alles leitet?


Daß du zerstört hast. Daß man dies von dir

wird sagen müssen bis in alle Zeiten.

Und wenn ein Held bevorsteht, der den Sinn,

den wir für das Gesicht der Dinge nehmen,

wie eine Maske abreißt und uns rasend

Gesichter aufdeckt, deren Augen längst

uns lautlos durch verstellte Löcher anschaun:

dies ist Gesicht und wird sich nicht verwandeln:

daß du zerstört hast. Blöcke lagen da,

und in der Luft um sie war schon der Rhythmus

von einem Bauwerk, kaum mehr zu verhalten;

du gingst herum und sahst nicht ihre Ordnung,

einer verdeckte dir den andern; jeder

schien dir zu wurzeln, wenn du im Vorbeigehn

an ihm versuchtest, ohne rechtes Zutraun,

daß du ihn hübest. Und du hobst sie alle

in der Verzweiflung, aber nur, um sie

zurückzuschleudern in den klaffen Steinbruch,

in den sie, ausgedehnt von deinem Herzen,

nicht mehr hineingehn. Hätte eine Frau

die leichte Hand gelegt auf dieses Zornes

noch zarten Anfang; wäre einer, der

beschäftigt war, im Innersten beschäftigt,

dir still begegnet, da du stumm hinausgingst,

die Tat zu tun -; ja hätte nur dein Weg

vorbeigeführt an einer wachen Werkstatt,

wo Männer hämmern, wo der Tag sich schlicht

verwirklicht; wär in deinem vollen Blick

nur so viel Raum gewesen, daß das Abbild

von einem Käfer, der sich müht, hineinging,

du hättest jäh bei einem hellen Einsehn

die Schrift gelesen, deren Zeichen du

seit deiner Kindheit langsam in dich eingrubst,

von Zeit zu Zeit versuchend, ob ein Satz

dabei sich bilde: ach, er schien dir sinnlos.

Ich weiß; ich weiß: du lagst davor und griffst

die Rillen ab, wie man auf einem Grabstein

die Inschrift abfühlt. Was dir irgend licht

zu brennen schien, das hieltest du als Leuchte

vor diese Zeile; doch die Flamme losch

eh du begriffst, vielleicht von deinem Atem,

vielleicht vom Zittern deiner Hand; vielleicht

auch ganz von selbst, wie Flammen manchmal ausgehn

Du lasest ‘s nie. Wir aber wagen nicht,

zu lesen durch den Schmerz und aus der Ferne.


Nur den Gedichten sehn wir zu, die noch

über die Neigung deines Fühlens abwärts

die Worte tragen, die du wähltest. Nein,

nicht alle wähltest du; oft ward ein Anfang

dir auferlegt als Ganzes, den du nachsprachst

wie einen Auftrag. Und er schien dir traurig.

Ach hättest du ihn nie von dir gehört.

Dein Engel lautet jetzt noch und betont

denselben Wortlaut anders, und mir bricht

der Jubel aus bei seiner Art zu sagen,

der Jubel über dich: denn dies war dein:

Daß jedes Liebe wieder von dir abfiel,

daß du im Sehendwerden den Verzicht

erkannt hast und im Tode deinen Fortschritt.

Dieses war dein, du, Künstler; diese drei

offenen Formen. Sieh, hier ist der Ausguß

der ersten: Raum um dein Gefühl; und da

aus jener zweiten schlag ich dir das Anschaun

das nichts begehrt, des großen Künstlers Anschaun;

und in der dritten, die du selbst zu früh

zerbrochen hast, da kaum der erste Schuß

bebender Speise aus des Herzens Weißglut

hineinfuhr -, war ein Tod von guter Arbeit

vertieft gebildet, jener eigne Tod,

der uns so nötig hat, weil wir ihn leben,

und dem wir nirgends näher sind als hier.


Dies alles war dein Gut und deine Freundschaft;

du hast es oft geahnt; dann aber hat

das Hohle jener Formen dich geschreckt,

du griffst hinein und schöpftest Leere und

beklagtest dich. – O alter Fluch der Dichter,

die sich beklagen, wo sie sagen sollten,

die immer urteiln über ihr Gefühl

statt es zu bilden; die noch immer meinen,

was traurig ist in ihnen oder froh,

das wüßten sie und dürftens im Gedicht

bedauern oder rühmen. Wie die Kranken

gebrauchen sie die Sprache voller Wehleid,

um zu beschreiben, wo es ihnen wehtut,

statt hart sich in die Worte zu verwandeln,

wie sich der Steinmetz einer Kathedrale

verbissen umsetzt in des Steines Gleichmut.


Dies war die Rettung. Hättest du nur ein Mal

gesehn, wie Schicksal in die Verse eingeht

und nicht zurückkommt, wie es drinnen Bild wird

und nichts als Bild, nicht anders als ein Ahnherr,

der dir im Rahmen, wenn du manchmal aufsiehst,

zu gleichen scheint und wieder nicht zu gleichen -:

du hättest ausgeharrt.


Doch dies ist kleinlich,

zu denken, was nicht war. Auch ist ein Schein

von Vorwurf im Vergleich, der dich nicht trifft.

Das, was geschieht, hat einen solchen Vorsprung

vor unserm Meinen, daß wirs niemals einholn

und nie erfahren, wie es wirklich aussah.


Sei nicht beschämt, wenn dich die Toten streifen,

die andern Toten, welche bis ans Ende

aushielten. (Was will Ende sagen?) Tausche

den Blick mit ihnen, ruhig, wie es Brauch ist,

und fürchte nicht, daß unser Trauern dich

seltsam belädt, so daß du ihnen auffällst.

Die großen Worte aus den Zeiten, da

Geschehn noch sichtbar war, sind nicht für uns.

Wer spricht von Siegen? Überstehn ist alles.


Rainer Maria Rilke: Requiem. Für Wolf Graf von Klackreuth (1908)

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Rainer Maria Rilke: 3 Gedichte

R a i n e r   M a r i a   R i l k e

(1875-1926)

G e d i c h t e

Herbsttag

Herr, es ist Zeit. Der Sommer war sehr groß.
Leg deinen Schatten auf die Sonnenuhren,
und auf den Fluren laß die Winde los.

Befiehl den letzten Früchten voll zu sein;
gib ihnen noch zwei südlichere Tage
dränge sie zur Vollendung hin und jage
die letzte Süße in den schweren Wein.

Wer jetzt kein Haus hat, baut sich keines mehr.
Wer jetzt allein ist, wird es lange bleiben,
wird wachen, lesen, lange Briefe schreiben
und wird in den Alleen hin und her
unruhig wandern, wenn die Blätter treiben.

 

Der Panther

Im Jardin des Plantes, Paris

Sein Blick ist vom Vorübergehn der Stäbe
so müd geworden, daß er nichts mehr hält.
Ihm ist, als ob es tausend Stäbe gäbe
und hinter tausend Stäben keine Welt.

Der weiche Gang geschmeidig starker Schritte,
der sich im allerkleinsten Kreise dreht,
ist wie ein Tanz von Kraft um eine Mitte,
in der betäubt ein großer Wille steht.

Nur manchmal schiebt der Vorhang der Pupille
sich lautlos auf -. Dann geht ein Bild hinein,
geht durch der Glieder angespannter Stille –
und hört im Herzen auf zu sein.

 

L’Attente

C’est la vie au ralenti,
c’est le cœur à rebours,
c’est une espérance et demie:
trop et trop peu à son tour.

C’est le train qui s’arrête en plein
chemin sans nulle station
et on entend le grillon
et on contemple en vain

penché à la portière,
d’un vent que l’on sent, agités
les prés fleuris, les prés
que l’arrêt rend imaginaires.

Rainer Maria Rilke: 3 Gedichte

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Rainer Maria Rilke: Requiem. Für eine Freundin

R a i n e r   M a r i a   R i l k e

(1875-1926)

  

R e q u i e m

Für eine Freundin


Ich habe Tote, und ich ließ sie hin

und war erstaunt, sie so getrost zu sehn,

so rasch zuhaus im Totsein, so gerecht,

so anders als ihr Ruf. Nur du, du kehrst

zurück; du streifst mich, du gehst um, du willst

an etwas stoßen, daß es klingt von dir

und dich verrät. O nimm mir nicht, was ich

langsam erlern. Ich habe recht; du irrst

wenn du gerührt zu irgend einem Ding

ein Heimweh hast. Wir wandeln dieses um;

es ist nicht hier, wir spiegeln es herein

aus unserm Sein, sobald wir es erkennen.


Ich glaubte dich viel weiter. Mich verwirrts,

daß du gerade irrst und kommst, die mehr

verwandelt hat als irgend eine Frau.

Daß wir erschraken, da du starbst, nein, daß

dein starker Tod uns dunkel unterbrach,

das Bisdahin abreißend vom Seither:

das geht uns an; das einzuordnen wird

die Arbeit sein, die wir mit allem tun.

Doch daß du selbst erschrakst und auch noch jetzt

den Schrecken hast, wo Schrecken nicht mehr gilt;

daß du von deiner Ewigkeit ein Stück

verlierst und hier hereintrittst, Freundin, hier,

wo alles noch nicht ist; daß du zerstreut,

zum ersten Mal im All zerstreut und halb,

den Aufgang der unendlichen Naturen

nicht so ergriffst wie hier ein jedes Ding;

daß aus dem Kreislauf, der dich schon empfing,

die stumme Schwerkraft irgend einer Unruh

dich niederzieht zur abgezählten Zeit – :

dies weckt mich nachts oft wie ein Dieb, der einbricht.

Und dürft ich sagen, daß du nur geruhst,

daß du aus Großmut kommst, aus Überfülle,

weil du so sicher bist, so in dir selbst,

daß du herumgehst wie ein Kind, nicht bange

vor Örtern, wo man einem etwas tut – :

doch nein: du bittest. Dieses geht mir so

bis ins Gebein und querrt wie eine Säge.

Ein Vorwurf, den du trügest als Gespenst,

nachtrügest mir, wenn ich mich nachts zurückzieh

in meine Lunge, in die Eingeweide,

in meines Herzens letzte ärmste Kammer,

ein solcher Vorwurf wäre nicht so grausam,

wie dieses Bitten ist. Was bittest du?


Sag, soll ich reisen? Hast du irgendwo

ein Ding zurückgelassen, das sich quält

und das dir nachwill? Soll ich in ein Land,

das du nicht sahst, obwohl es dir verwandt

war wie die andre Hälfte deiner Sinne?


Ich will auf seinen Flüssen fahren, will

an Land gehn und nach alten Sitten fragen,

will mit den Frauen in den Türen sprechen

und zusehn, wenn sie ihre Kinder rufen.

Ich will mir merken, wie sie dort die Landschaft

umnehmen draußen bei der alten Arbeit

der Wiesen und der Felder; will begehren,

vor ihren König hingeführt zu sein,

und will die Priester durch Bestechung reizen,

daß sie mich legen vor das stärkste Standbild

und fortgehn und die Tempeltore schließen.

Dann aber will ich, wenn ich vieles weiß,

einfach die Tiere anschaun, daß ein Etwas

von ihrer Wendung mir in die Gelenke

herübergleitet; will ein kurzes Dasein

in ihren Augen haben, die mich halten

und langsam lassen, ruhig, ohne Urteil.

Ich will mir von den Gärtnern viele Blumen

hersagen lassen, daß ich in den Scherben

der schönen Eigennamen einen Rest

herüberbringe von den hundert Düften.

Und Früchte will ich kaufen, Früchte, drin

das Land noch einmal ist, bis an den Himmel.


Denn Das verstandest du: die vollen Früchte.

Die legtest du auf Schalen vor dich hin

und wogst mit Farben ihre Schwere auf.

Und so wie Früchte sahst du auch die Fraun

und sahst die Kinder so, von innen her

getrieben in die Formen ihres Daseins.

Und sahst dich selbst zuletzt wie eine Frucht,

nahmst dich heraus aus deinen Kleidern, trugst

dich vor den Spiegel, ließest dich hinein

bis auf dein Schauen; das blieb groß davor

und sagte nicht: das bin ich; nein: dies ist.

So ohne Neugier war zuletzt dein Schaun

und so besitzlos, von so wahrer Armut,

daß es dich selbst nicht mehr begehrte: heilig.


So will ich dich behalten, wie du dich

hinstelltest in den Spiegel, tief hinein

und fort von allem. Warum kommst du anders?

Was widerrufst du dich? Was willst du mir

einreden, daß in jenen Bernsteinkugeln

um deinen Hals noch etwas Schwere war

von jener Schwere, wie sie nie im Jenseits

beruhigter Bilder ist; was zeigst du mir

in deiner Haltung eine böse Ahnung;

was heißt dich die Konturen deines Leibes

auslegen wie die Linien einer Hand,

daß ich sie nicht mehr sehn kann ohne Schicksal?


Komm her ins Kerzenlicht. Ich bin nicht bang,

die Toten anzuschauen. Wenn sie kommen,

so haben sie ein Recht, in unserm Blick

sich aufzuhalten, wie die andern Dinge.


Komm her; wir wollen eine Weile still sein.

Sieh diese Rose an auf meinem Schreibtisch;

ist nicht das Licht um sie genau so zaghaft

wie über dir: sie dürfte auch nicht hier sein.

Im Garten draußen, unvermischt mit mir,

hätte sie bleiben müssen oder hingehn, –

nun währt sie so: was ist ihr mein Bewußtsein?


Erschrick nicht, wenn ich jetzt begreife, ach,

da steigt es in mir auf: ich kann nicht anders,

ich muß begreifen, und wenn ich dran stürbe.

Begreifen, daß du hier bist. Ich begreife.

Ganz wie ein Blinder rings ein Ding begreift,

fühl ich dein Los und weiß ihm keinen Namen.

Laß uns zusammen klagen, daß dich einer

aus deinem Spiegel nahm. Kannst du noch weinen?

Du kannst nicht. Deiner Tränen Kraft und Andrang

hast du verwandelt in dein reifes Anschaun

und warst dabei, jeglichen Saft in dir

so umzusetzen in ein starkes Dasein,

das steigt und kreist im Gleichgewicht und blindlings.

Da riß ein Zufall dich, dein letzter Zufall

riß dich zurück aus deinem fernsten Fortschritt

in eine Welt zurück, wo Säfte wollen.

Riß dich nicht ganz; riß nur ein Stück zuerst,

doch als um dieses Stück von Tag zu Tag

die Wirklichkeit so zunahm, daß es schwer ward,

da brauchtest du dich ganz: da gingst du hin

und brachst in Brocken dich aus dem Gesetz

mühsam heraus, weil du dich brauchtest. Da

trugst du dich ab und grubst aus deines Herzens

nachtwarmem Erdreich die noch grünen Samen,

daraus dein Tod aufkeimen sollte: deiner,

dein eigner Tod zu deinem eignen Leben.

Und aßest sie, die Körner deines Todes,

wie alle andern, aßest seine Körner,

und hattest Nachgeschmack in dir von Süße,

die du nicht meintest, hattest süße Lippen,

du: die schon innen in den Sinnen süß war.


O laß uns klagen. Weißt du, wie dein Blut

aus einem Kreisen ohnegleichen zögernd

und ungern wiederkam, da du es abriefst?

Wie es verwirrt des Leibes kleinen Kreislauf

noch einmal aufnahm; wie es voller Mißtraun

und Staunen eintrat in den Mutterkuchen

und von dem weiten Rückweg plötzlich müd war.

Du triebst es an, du stießest es nach vorn,

du zerrtest es zur Feuerstelle, wie

man eine Herde Tiere zerrt zum Opfer;

und wolltest noch, es sollte dabei froh sein.

Und du erzwangst es schließlich: es war froh

und lief herbei und gab sich hin. Dir schien,

weil du gewohnt warst an die andern Maße,

es wäre nur für eine Weile; aber

nun warst du in der Zeit, und Zeit ist lang.

Und Zeit geht hin, und Zeit nimmt zu, und Zeit

ist wie ein Rückfall einer langen Krankheit.


Wie war dein Leben kurz, wenn du’s vergleichst

mit jenen Stunden, da du saßest und

die vielen Kräfte deiner vielen Zukunft

schweigend herabbogst zu dem neuen Kindkeim,

der wieder Schicksal war. O wehe Arbeit.

O Arbeit über alle Kraft. Du tatest

sie Tag für Tag, du schlepptest dich zu ihr

und zogst den schönen Einschlag aus dem Webstuhl

und brauchtest alle deine Fäden anders.

Und endlich hattest du noch Mut zum Fest.


Denn da’s getan war, wolltest du belohnt sein,

wie Kinder, wenn sie bittersüßen Tee

getrunken haben, der vielleicht gesund macht.

So lohntest du dich: denn von jedem andern

warst du zu weit, auch jetzt noch; keiner hätte

ausdenken können, welcher Lohn dir wohltut.

Du wußtest es. Du saßest auf im Kindbett,

und vor dir stand ein Spiegel, der dir alles

ganz wiedergab. Nun war das alles Du

und ganz davor, und drinnen war nur Täuschung,

die schöne Täuschung jeder Frau, die gern

Schmuck umnimmt und das Haar kämmt und verändert.


So starbst du, wie die Frauen früher starben,

altmodisch starbst du in dem warmen Hause

den Tod der Wöchnerinnen, welche wieder

sich schließen wollen und es nicht mehr können,

weil jenes Dunkel, das sie mitgebaren,

noch einmal wiederkommt und drängt und eintritt.


Ob man nicht dennoch hätte Klagefrauen

auftreiben müssen? Weiber, welche weinen

für Geld, und die man so bezahlen kann,

daß sie die Nacht durch heulen, wenn es still wird.

Gebräuche her! wir haben nicht genug

Gebräuche. Alles geht und wird verredet.

So mußt du kommen, tot, und hier mit mir

Klagen nachholen. Hörst du, daß ich klage?

Ich möchte meine Stimme wie ein Tuch

hinwerfen über deines Todes Scherben

und zerrn an ihr, bis sie in Fetzen geht,

und alles, was ich sage, müßte so

zerlumpt in dieser Stimme gehn und frieren;

blieb es beim Klagen. Doch jetzt klag ich an:

den Einen nicht, der dich aus dir zurückzog,

(ich find ihn nicht heraus, er ist wie alle)

doch alle klag ich in ihm an: den Mann.


Wenn irgendwo ein Kindgewesensein

tief in mir aufsteigt, das ich noch nicht kenne,

vielleicht das reinste Kindsein meiner Kindheit:

ich wills nicht wissen. Einen Engel will

ich daraus bilden ohne hinzusehn

und will ihn werfen in die erste Reihe schreiender

Engel, welche Gott erinnern.


Denn dieses Leiden dauert schon zu lang,

und keiner kanns; es ist zu schwer für uns,

das wirre Leiden von der falschen Liebe,

die, bauend auf Verjährung wie Gewohnheit,

ein Recht sich nennt und wuchert aus dem Unrecht.

Wo ist ein Mann, der Recht hat auf Besitz?

Wer kann besitzen, was sich selbst nicht hält,

was sich von Zeit zu Zeit nur selig auffängt

und wieder hinwirft wie ein Kind den Ball.

Sowenig wie der Feldherr eine Nike

festhalten kann am Vorderbug des Schiffes,

wenn das geheime Leichtsein ihrer Gottheit

sie plötzlich weghebt in den hellen Meerwind:

so wenig kann einer von uns die Frau

anrufen, die uns nicht mehr sieht und die

auf einem schmalen Streifen ihres Daseins

wie durch ein Wunder fortgeht, ohne Unfall:

er hätte denn Beruf und Lust zur Schuld.


Denn das ist Schuld, wenn irgendeines Schuld ist:

die Freiheit eines Lieben nicht vermehren

um alle Freiheit, die man in sich aufbringt.

Wir haben, wo wir lieben, ja nur dies:

einander lassen; denn daß wir uns halten,

das fällt uns leicht und ist nicht erst zu lernen.


Bist du noch da? In welcher Ecke bist du? –

Du hast so viel gewußt von alledem

und hast so viel gekonnt, da du so hingingst

für alles offen, wie ein Tag, der anbricht.

Die Frauen leiden: lieben heißt allein sein,

und Künstler ahnen manchmal in der Arbeit,

daß sie verwandeln müssen, wo sie lieben.

Beides begannst du; beides ist in Dem,

was jetzt ein Ruhm entstellt, der es dir fortnimmt.

Ach du warst weit von jedem Ruhm. Du warst

unscheinbar; hattest leise deine Schönheit

hineingenommen, wie man eine Fahne

einzieht am grauen Morgen eines Werktags,

und wolltest nichts, als eine lange Arbeit, –

die nicht getan ist: dennoch nicht getan.


Wenn du noch da bist, wenn in diesem Dunkel

noch eine Stelle ist, an der dein Geist

empfindlich mitschwingt auf den flachen Schallwelln,

die eine Stimme, einsam in der Nacht,

aufregt in eines hohen Zimmers Strömung:

So hör mich: Hilf mir. Sieh, wir gleiten so,

nicht wissend wann, zurück aus unserm Fortschritt

in irgendwas, was wir nicht meinen; drin

wir uns verfangen wie in einem Traum

und drin wir sterben, ohne zu erwachen.

Keiner ist weiter. Jedem, der sein Blut

hinaufhob in ein Werk, das lange wird,

kann es geschehen, daß ers nicht mehr hochhält

und daß es geht nach seiner Schwere, wertlos.

Denn irgendwo ist eine alte Feindschaft

zwischen dem Leben und der großen Arbeit.

Daß ich sie einseh und sie sage: hilf mir.


Komm nicht zurück. Wenn du’s erträgst, so sei

tot bei den Toten. Tote sind beschäftigt.

Doch hilf mir so, daß es dich nicht zerstreut,

wie mir das Fernste manchmal hilft: in mir.

 

Rainer Maria Rilke: Requiem. Für eine Freundin (1908)

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Rainer Maria Rilke: Toten-Tanz

Rainer Maria Rilke

(1875-1926)

 

Toten-Tanz

Sie brauchen kein Tanz-Orchester;
sie hören in sich ein Geheule
als waren sie Eulennester.
Ihr Ängsten näßt wie eine Beule,
und der Vorgeruch ihrer Fäule
ist noch ihr bester Geruch.

Sie fassen den Tänzer fester,
den rippenbetreßten Tänzer,
den Galan, den achten Ergänzer
zu einem ganzen Paar.
Und er lockert der Ordensschwester
über dem Haar das Tuch;
sie tanzen ja unter Gleichen.
Und er zieht der wachslichtbleichen
leise die Lesezeichen
aus ihrem Stunden-Buch.

 

Rainer Maria Rilke: Toten-Tanz

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Rainer Maria Rilke: 2 Gedichte

Rainer Maria Rilke

(1875-1926)


Das Bett

LASS sie meinen, daß sich in privater

Wehmut löst, was einer dort bestritt.

Nirgend sonst als da ist ein Theater;

reiß den hohen Vorhang fort -: da tritt


vor den Chor der Nächte, der begann

ein unendlich breites Lied zu sagen,

jene Stunde auf, bei der sie lagen,

und zerreißt ihr Kleid und klagt sich an,


um der andern, um der Stunde willen,

die sich wehrt und wälzt im Hintergrunde;

denn sie konnte sie mit sich nicht stillen.

Aber da sie zu der fremden Stunde


sich gebeugt: da war auf ihr,

was sie am Geliebten einst gefunden,

nur so drohend und so groß verbunden

und entzogen wie in einem Tier.



Das Kind

UNWILLKÜRLICH sehn sie seinem Spiel

lange zu; zuweilen tritt das runde

seiende Gesicht aus dem Profil,

klar und ganz wie eine volle Stunde,


welche anhebt und zu Ende schlägt.

Doch die Andern zahlen nicht die Schläge,

trüb von Mühsal und vom Leben träge;

und sie merken gar nicht, wie es trägt -,


wie es alles trägt, auch dann, noch immer,

wenn es müde in dem kleinen Kleid

neben ihnen wie im Wartezimmer

sitzt und warten will auf seine Zeit.

 

Rainer Maria Rilke: 2 Gedichte

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Rainer Maria Rilke Gedichte

 

 

Herbsttag
Herr, es ist Zeit. Der Sommer war sehr groß.
Leg deinen Schatten auf die Sonnenuhren,
und auf den Fluren laß die Winde los.
Befiehl den letzten Früchten voll zu sein;
gib ihnen noch zwei südlichere Tage
dränge sie zur Vollendung hin und jage
die letzte Süße in den schweren Wein.
Wer jetzt kein Haus hat, baut sich keines mehr.
Wer jetzt allein ist, wird es lange bleiben,
wird wachen, lesen, lange Briefe schreiben
und wird in den Alleen hin und her
unruhig wandern, wenn die Blätter treiben.

(1902, uit: Das Buch der Bilder)

Die Liebenden
Sieh, wie sie zu einander erwachsen:
in ihren Adern wird alles Geist.
Ihre Gestalten beben wie Achsen,
um die es heiß und hinreißend kreist
Dürstende, und sie bekommen zu trinken,
Wache, und sieh: sie bekommen zu sehn.
Laß sie ineinander sinken,
um einander zu überstehn.

(1908, Paris)

Gesang der Frauen an den Dichter
Sieh, wie sich alles auftut: so sind wir;
denn wir sind nichts als solche Seligkeit.
Was Blut und Dunkel war in einem Tier,
das wuchs in uns zur Seele an und schreit

als Seele weiter. Und es schreit nach dir.
Du freilich nimmst es nur in dein Gesicht
als sei es Landschaft: sanft und ohne Gier.
Und darum meinen wir, du bist es nicht,

nach dem es schreit. Und doch, bist du nicht der,
an den wir uns ganz ohne Rest verlören?
Und werden wir in irgend einem mehr?

Mit uns geht das Unendliche vorbei.
Du aber sei, du Mund, daß wir es hören,
du aber, du Uns-Sagender: du sei.

Aus: Neue Gedichte (1907)

Rainer Maria Rilke

(1875-1926)

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