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Tucholsky, Kurt

· Kurt Tucholsky: Der Graben · Kurt Tucholsky: Rosen auf den Weg gestreut · Kurt Tucholsky: Sexuelle Aufklärung · Kurt Tucholsky: An die Berlinerin · Kurt Tucholsky: Ballade · Kurt Tucholsky: Der schlimmste Feind

Kurt Tucholsky: Der Graben

Kurt Tucholsky

(1890-1935)

 

Der Graben

Mutter, wozu hast Du Deinen aufgezogen,
Hast Dich zwanzig Jahr’ um ihn gequält?
Wozu ist er Dir in Deinen Arm geflogen,
Und Du hast ihm leise was erzählt?
Bis sie ihn Dir weggenommen haben
Für den Graben, Mutter, für den Graben!
Junge, kannst Du noch an Vater denken?
Vater nahm Dich oft auf seinen Arm,
Und er wollt’ Dir einen Groschen schenken,
Und er spielte mit Dir Räuber und Gendarm
Bis sie ihn Dir weggenommen haben
Für den Graben, Junge, für den Graben!

Werft die Fahnen fort!
Die Militärkapellen spielen auf
Zu Eurem Todestanz!

Seid Ihr hin?
Seid Ihr hin?

Ein Kranz von Immortellen,
Das ist dann der Dank des Vaterlands!

Hört auf Todesröcheln und Gestöhne!
Drüben stehen Väter, Mütter, Söhne,
Schuften schwer, wie ihr, um’s bißchen Leben.
Wollt Ihr denen nicht die Hände geben?
Reicht die Bruderhand als schönste aller Gaben
Über’n Graben, Leute, über’n Graben!

Kurt Tucholsky poetry

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Kurt Tucholsky: Rosen auf den Weg gestreut

Kurt Tucholsky

(1890 – 1935)


Rosen auf den Weg gestreut

Musik: Hanns Eisler

Ihr müßt sie lieb und nett behandeln,
erschreckt sie nicht – sie sind so zart!
Ihr müßt sie Palmen sie umwandeln,
getreulich ihrer Eigenart!
Pfeift eierm Hunde, wenn er sie ankläfft:
küßt die Faschisten, wo ihr sie trefft!

Wenn sie in ihren Sälen hetzen,
sagt, “Ja und Amen – aber gern!
Hier habt ihr mich – schlagt mich in Fetzen!”
Und prügeln sie, so lobt den Herrn.
Denn Prügeln ist doch ihr Geschäft!
Küßt die Faschisten, wo ihr sie trefft!

Und schießen sie: du lieber Himmel,
schätzt ihr das Leben so hoch ein?
Das ist ein Pazifisten-Fimmel!
Wer möchte nicht gern Opfer sein?
Und spürt ihr auch in euerm Bauch
den Hitlerdolch, tief, bis zum Heft:
Küßt die Faschisten, wo ihr sie trefft!

 

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Kurt Tucholsky: Sexuelle Aufklärung

Kurt Tucholsky

(1890-1935)

 

Sexuelle Aufklärung

Tritt ein, mein Sohn, in dieses Variété!

Die heiligen Hallen füllt ein lieblich Odium

von Rauchtabak, Parfüms und Eßbüffé.

Die blonde Emmy tänzelt auf das Podium,

der erste und der einzige Geiger schmiert <Kollodium>

auf seine Fiedel für das hohe C…

So blieb es, und so ists seit dreißig Jahren –

drum ist dein alter Vater mit dir hergefahren.

 

Sieh jenes Mädchen! Erster Jugendblüte

leichtrosa Schimmer ziert das reizende Gesicht.

So war sie schon, als ich mich noch um sie bemühte,

und wahrlich: ich blamiert mich nicht!

Siehst du sie jetzt, wie sie voll Scham erglühte?

Was flüstert sie? “Det die de Motten kricht…!”

Wie klingt mir dieser Wahlspruch doch vertraut

aus jener Zeit, da ich den Referendar gebaut!

 

Sei mir gegrüßt, du meine Tugendlilie,

du altes Flitterkleid, du Tamburin!

Nimm du sie hin, mein Sohn – es bleibt in der Familie –

und lern bei ihr: es gibt nur ein Berlin!

Nun aber spitz die Ohren, denn gleich singt Ottilie

ihr Lieblingslied vom kleinen Zeppeliihn

Kriegst du sie nicht, soll dich der Teufel holen!

Verhalt dich brav – und damit Gott befohlen!

 

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Kurt Tucholsky: An die Berlinerin

Kurt Tucholsky

(1890-1935)

 

An die Berlinerin

Mädchen, kein Casanova
hätte dir je imponiert.
Glaubst du vielleicht, was ein doofer
Schwärmer von dir phantasiert?
Sänge mit wogenden Nüstern
Romeo, liebesbesiegt,
würdest du leise flüstern:
“Woll mit die Pauke jepiekt -?”
Willst du romantische Feste,
gehst du beis Kino hin…
Du bist doch Mutterns Beste,
du, die Berlinerin -!

Venus der Spree – wie so fleißig
liebst du, wie pünktlich dabei!
Zieren bis zwölf Uhr dreißig,
Küssen bis nachts um zwei.
Alles erledigst du fachlich,
bleibst noch im Liebesschwur
ordentlich, sauber und sachlich:
Lebende Registratur!
Wie dich sein Arm auch preßte:
gibst dich nur her und nicht hin.
Bist ja doch Mutterns Beste,
du, die Berlinerin – !

Wochentags führst du ja gerne
Nadel und Lineal.
Sonntags leuchten die Sterne
preußisch-sentimental.
Denkst du der Maulwurfstola,
die dir dein Freund spendiert?
Leuchtendes Vorbild der Pola!
Wackle wie sie geziert.
Älter wirst du. Die Reste
gehn mit den Jahren dahin.
Laß die mondäne Geste!
Bist ja doch Mutterns Beste,
du süße Berlinerin – !

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Kurt Tucholsky: Ballade

Kurt Tucholsky

(1890-1935)


Ballade

Da sprach der Landrat unter Stöhnen:
“Könnten Sie sich an meinen Körper gewöhnen?”
Und es sagte ihm Frau Kaludrigkeit:
“Vielleicht. Vielleicht.
Mit der Zeit…mit der Zeit…”
Und der Landrat begann allnächtlich im Schlafe
Laut zu sprechen und wurde ihr Schklafe.
Und er war ihr hörig und sah alle Zeit
Frau Kaludrigkeit – Frau Kaludrigkeit!

Und obgleich der Landrat zum Zentrum gehörte,
wars eine Schande, wie daß er röhrte;
er schlich der Kaludrigkeit ums Haus…
Die hieß so – und sah ganz anders aus:
Ihre Mutter hatte es einst in Brasilien
Mit einem Herrn der bessern Familien.
Sie war ein Halbblut, ein Viertelblut:
Nußbraun, kreolisch; es stand ihr sehr gut.
Und der Landrat balzte: Wann ist es soweit?
Frau Kaludrigkeit – Frau Kaludrigkeit!

Und eines Abends im Monat September
War das Halbblut müde von seinem Gebember
Und zog sich aus. Und sagte: “Ich bin…”
Und legte sich herrlich nußbraun hin.
Der Landrat dachte, ihn träfe der Schlag!
Unvorbereitet fand ihn der Tag.
Nie hätt er gehofft, es noch zu erreichen.
Und er ging hin und tat desgleichen.

Pause

Sie lag auf den Armen und atmete kaum.
Ihr Pyjama flammte, ein bunter Traum.
Er glaubte, ihren Herzschlag zu spüren.
Er wagte sie nicht mehr zu berühren…
Er sann, der Landrat. Was war das, soeben?
Sie hatte ihm alles und nichts gegeben.
Und obgleich der Landrat vom Zentrum war,
wurde ihm eines plötzlich klar:
Er war nicht der Mann für dieses Wesen.
Sie war ein Buch. Er konnt es nicht lesen.
Was dann zwischen Liebenden vor sich geht,
ist eine leere Formalität.

Und so lernte der Mann in Minutenfrist,
daß nicht jede Erfüllung Erfüllung ist.
Und belästigte nie mehr seit dieser Zeit
Die schöne Frau Inez Kaludrigkeit.

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Kurt Tucholsky: Der schlimmste Feind

Kurt Tucholsky

(1890 – 1935)

 

Der schlimmste Feind

Für Ernst Toller


Der schlimmste Feind, den der Arbeiter hat,

das sind nicht die Soldaten;

es ist auch nicht der Rat der Stadt,

nicht Bergherrn, nicht Prälaten.

Sein schlimmster Feind steht schlau und klein

in seinen eignen Reihn.

 

Wer etwas diskutieren kann,

wer einmal Marx gelesen,

der hält sich schon für einen Mann

und für ein höheres Wesen.

Der ragt um einen Daumen klein

aus seinen eignen Reihn.

 

Der weiß nichts mehr von Klassenkampf

und nichts von Revolutionen;

der hat vor Streiken allen Dampf

und Furcht vor blauen Bohnen.

Der will nur in den Reichstag hinein

aus seinen eignen Reihn.

 

Klopft dem noch ein Regierungsrat

auf die Schulter: “Na, mein Lieber . . .”,

dann vergißt er das ganze Proletariat –

das ist das schlimmste Kaliber.

Kein Gutsbesitzer ist so gemein

wie der aus den eignen Reihn.

 

Paßt Obacht!

Da steht euer Feind,

der euch hundertmal verraten!

Den Bonzen loben gern vereint

Nationale und Demokraten.

Freiheit? Erlösung? Gute Nacht.

Ihr seid um die Frucht eures Leidens gebracht.

Das macht: Ihr konntet euch nicht befrein

von dem Feind aus den eignen Reihn.

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