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Heine, Heinrich

· HEINRICH HEINE: SALOME · HEINRICH HEINE: ENFANT PERDU · Heinrich Heine: An einen politischen Dichter · Hans Hermans foto’s – Gedicht Heinrich Heine · Heinrich Heine: Lied des Gefangenen · Heinrich Heine: Erklaerung · Heinrich Heine: Traumbilder · Heinrich Heine: Die Wallfahrt nach Kevlaar · Heinrich Heine: Die Fensterschau · Heinrich Heine: Gespraech auf der Paderborner Heide · Heinrich Heine: Sturm

HEINRICH HEINE: SALOME

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Heinrich Heine
(1797-1856)

Salomo

Verstummt sind Pauken, Posaunen und Zinken.
An Salomos Lager Wache halten
Die schwertgegürteten Engelgestalten,
Sechstausend zur Rechten, sechstausend zur Linken.

Sie schützen den König vor träumendem Leide,
Und zieht er finster die Brauen zusammen,
Da fahren sogleich die stählernen Flammen,
Zwölftausend Schwerter, hervor aus der Scheide.

Doch wieder zurück in die Scheide fallen
Die Schwerter der Engel. Das nächtliche Grauen
Verschwindet, es glätten sich wieder die Brauen
Des Schläfers, und seine Lippen lallen:

»O Sulamith! Das Reich ist mein Erbe,
Die Lande sind mir untertänig,
Bin über Juda und Israel König –
Doch liebst du mich nicht, so welk ich und sterbe.«

Heinrich Heine poetry
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HEINRICH HEINE: ENFANT PERDU

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Heinrich Heine
(1797-1856)

Enfant Perdu

Verlorner Posten in dem Freiheitskriege,
Hielt ich seit dreißig Jahren treulich aus.
Ich kämpfe ohne Hoffnung, daß ich siege,
Ich wußte, nie komm ich gesund nach Haus.

Ich wachte Tag und Nacht – Ich konnt nicht schlafen,
Wie in dem Lagerzelt der Freunde Schar –
(Auch hielt das laute Schnarchen dieser Braven
Mich wach, wenn ich ein bißchen schlummrig war).

In jenen Nächten hat Langweil’ ergriffen
Mich oft, auch Furcht – (nur Narren fürchten nichts) –
Sie zu verscheuchen, hab ich dann gepfiffen
Die frechen Reime eines Spottgedichts.

Ja, wachsam stand ich, das Gewehr im Arme,
Und nahte irgendein verdächt’ger Gauch,
So schoß ich gut und jagt ihm eine warme,
Brühwarme Kugel in den schnöden Bauch.

Mitunter freilich mocht es sich ereignen.
Daß solch ein schlechter Gauch gleichfalls sehr gut
Zu schießen wußte – ach, ich kann’s nicht leugnen –
Die Wunden klaffen – es verströmt mein Blut.

Ein Posten ist vakant! – Die Wunden klaffen –
Der eine fällt, die andern rücken nach –
Doch fall ich unbesiegt, und meine Waffen
Sind nicht gebrochen – nur mein Herze brach.

Heinrich Heine poetry
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Heinrich Heine: An einen politischen Dichter

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Heinrich Heine

(1797-1856)

 

An einen politischen Dichter

 

Du singst, wie einst Tyrtäus sang,

Von Heldenmut beseelet,

Doch hast du schlecht dein Publikum

Und deine Zeit gewählet.

Beifällig horchen sie dir zwar,

Und loben, schier begeistert:

Wie edel dein Gedankenflug,

Wie du die Form bemeistert.

Sie pflegen auch beim Glase Wein

Ein Vivat dir zu bringen

Und manchen Schlachtgesang von dir

Lautbrüllend nachzusingen.

Der Knecht singt gern ein Freiheitslied

Des Abends in der Schenke:

Das fördert die Verdauungskraft,

Und würzet die Getränke.

 

Heinrich Heine poetry

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Hans Hermans foto’s – Gedicht Heinrich Heine

Heinrich Heine

(1797-1856)

 

Seekrankheit

 

Die grauen Nachmittagswolken

Senken sich tiefer hinab auf das Meer,

Das ihnen dunkel entgegensteigt,

Und zwischendurch jagt das Schiff.

Seekrank sitz ich noch immer am Mastbaum,

Und mache Betrachtungen über mich selber,

Uralte, aschgraue Betrachtungen,

Die schon der Vater Loth gemacht,

Als er des Guten zuviel genossen

Und sich nachher so übel befand.

Mitunter denk ich auch alter Geschichtchen:

Wie kreuzbezeichnete Pilger der Vorzeit,

Auf stürmischer Meerfahrt, das trostreiche Bildnis

Der heiligen Jungfrau gläubig küßten;

Wie kranke Ritter, in solcher Seenot,

Den lieben Handschuh ihrer Dame

An die Lippen preßten, gleich getröstet –

Ich aber sitze und kaue verdrießlich

Einen alten Hering, den salzigen Tröster

In Katzenjammer und Hundetrübsal!

 

Vergebens späht mein Auge und sucht

Die deutsche Küste. Doch ach! nur Wasser,

Und abermals Wasser, bewegtes Wasser!

Wie der Winterwandrer des Abends sich sehnt

Nach einer warmen, innigen Tasse Tee,

So sehnt sich jetzt mein Herz nach dir,

Mein deutsches Vaterland!

Mag immerhin dein süßer Boden bedeckt sein

Mit Wahnsinn, Husaren, schlechten Versen

Und laulich dünnen Traktätchen;

Mögen immerhin deine Zebras

Mit Rosen sich mästen statt Disteln;

Mögen immerhin deine noblen Affen

In müßigem Putz sich vornehm spreizen

Und sich besser dünken als all das andre

Banausisch dahinwandelnde Hornvieh;

Mag immerhin deine Schneckenversammlung

Sich für unsterblich halten,

Weil sie so langsam dahinkriecht,

Und mag sie täglich Stimmen sammeln,

Ob den Maden des Käses der Käse gehört?

Und noch lange Zeit in Beratung ziehen,

Wie man die ägyptischen Schafe veredle,

Damit ihre Wolle sich beßre

Und der Hirt sie scheren könne wie andre,

Ohn Unterschied –

Immerhin, mag Torheit und Unrecht

Dich ganz bedecken, o Deutschland!

Ich sehne mich dennoch nach dir:

Denn wenigstens bist du noch festes Land.

Hans Hermans photos – Natuurdagboek 11-11

Gedicht Heinrich Heine

Website Hans Hermans

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Heinrich Heine: Lied des Gefangenen

H e i n r i c h   H e i n e

(1797-1856)

 

Lied des Gefangenen

 

Als meine Grossmutter die Lise behext,

Da wollten die Leut sie verbrennen.

Schon hatte der Amtmann viel Tinte verkleckst,

Doch wollte sie nicht bekennen.

 

Und als man sie in den Kessel schob,

Da schrie sie Mord und Wehe;

Und als sich der schwarze Qualm erhob,

Da flog sie als Rab in die Hoehe.

 

Mein schwarzes, gefiedertes Grossmuetterlein!

O komm mich im Turme besuchen!

Komm, fliege geschwind durchs Gitter herein,

Und bringe mir Kaese und Kuchen.

 

Mein schwarzes, gefiedertes Grossmuetterlein!

O moechtest du nur sorgen,

Dass die Muhme nicht auspickt die Augen mein,

Wenn ich luftig schwebe morgen.


Heinrich Heine Gedichte

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Heinrich Heine: Erklaerung

H e i n r i c h  H e i n e

(1797-1856)


Erklaerung

 

Herangedaemmert kam der Abend,

Wilder toste die Flut,

Und ich sass am Strand, und schaute zu

Dem weissen Tanz der Wellen,

Und meine Brust schwoll auf wie das Meer,

Und sehnend ergriff mich ein tiefes Heimweh

Nach dir, du holdes Bild,

Das ueberall mich umschwebt,

Und ueberall mich ruft,

UEberall, ueberall,

Im Sausen des Windes, im Brausen des Meers,

Und im Seufzen der eigenen Brust.

 

Mit leichtem Rohr schrieb ich in den Sand:

"Agnes, ich liebe dich!"

Doch boese Wellen ergossen sich

UEber das suesse Bekenntnis,

Und loeschten es aus.

 

Zerbrechliches Rohr, zerstiebender Sand,

Zerfliessende Wellen, euch trau ich nicht mehr!

Der Himmel wird dunkler, mein Herz wird wilder,

Und mit starker Hand, aus Norwegs Waeldern,

Reiss ich die hoechste Tanne,

Und tauche sie ein

In des AEtnas gluehenden Schlund, und mit solcher

Feuergetraenkten Riesenfeder

Schreib ich an die dunkle Himmelsdecke:

"Agnes, ich liebe dich!"

 

Jedwede Nacht lodert alsdann

Dort oben die ewige Flammenschrift,

Und alle nachwachsende Enkelgeschlechter

Lesenjauchzend die Himmelsworte:

"Agnes, ich liebe dich!"


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Heinrich Heine: Traumbilder

Heinrich Heine

(1797-1856)

 

T r a u m b i l d e r


I

Mir traeumte einst von wildem Liebesgluehn,

Von huebschen Locken, Myrten und Resede,

Von suessen Lippen und von bittrer Rede,

Von duestrer Lieder duestern Melodien.

 

Verblichen und verweht sind laengst die Traeume,

Verweht ist gar mein liebstes Traumgebild!

Geblieben ist mir nur, was glutenwild

Ich einst gegossen hab in weiche Reime.

 

Du bliebst, verwaistes Lied! Verweh jetzt auch,

Und such das Traumbild, das mir laengst entschwunden,

Und gruess es mir, wenn du es aufgefunden —

Dem luftgen Schatten send ich luftgen Hauch.

 

II

Ein Traum, gar seltsam schauerlich,

Ergoetzte und erschreckte mich.

Noch schwebt mir vor mach grausig Bild,

Und in dem Herzen wogt es wild.

 

Das war ein Garten, wunderschoen,

Da wollte ich lustig mich ergehn;

Viel schoene Blumen sahn mich an,

Ich hatte meine Freude dran.

 

Es zwitscherten die Voegelein

Viel muntre Liebesmelodein;

Die Sonne rot, von Gold umstrahlt,

Die Blumen lustig bunt bemalt.

 

Viel Balsamduft aus Kraeutern rinnt,

Die Luefte wehen lieb und lind;

Und alles schimmert, alles lacht,

Und zeigt mir freundlich seine Pracht.

 

Inmitten in dem Blumenland

Ein klarer Marmorbrunnen stand;

Da schaut ich eine schoene Maid,

Die emsig wusch ein weisses Kleid.

 

Die Waenglein suess, die AEuglein mild,

Ein blondgelocktes Heilgenbild;

Und wie ich schau, die Maid ich fand

So fremd und doch so wohlbekannt.

 

Die schoene Maid, die sputet sich,

Sie summt ein Lied gar wunderlich;

"Rinne, rinne, Waesserlein,

Wasche mir das Linnen rein."

 

Ich ging und nahete mich ihr,

Und fluesterte: O sage mir,

Du wunderschoene, suesse Maid,

Fuer wen ist dieses weisse Kleid?

 

Da sprach sie schnell: "Sei bald bereit,

Ich wasche dir dein Totenkleid!"

Und als sie dies gesprochen kaum,

Zerfloss das ganze Bild, wie Schaum. —

 

Und fortgezaubert stand ich bald

In einem duestern, wilden Wald.

Die Baeume ragten himmelan;

Ich stand erstaunt und sann und sann.

 

Und horch! Welch dumpfer Widerhall!

Wie ferner AExtenschlaege Schall;

Ich eil durch Busch und Wildnis fort,

Und komm an einen freien Ort.

 

Inmitten in dem gruenen Raum,

Da stand ein grosser Eichenbaum;

Und sieh! mein Maegdlein wundersam

Haut mit dem Beil den Eichenstamm.

 

Und Schlag auf Schlag, und sonder Weil,

Summt sie ein Lied und schwingt das Beil:

"Eisen blink, Eisen blank,

Zimmre hurtig Eichenschrank."

 

Ich ging und nahete mich ihr,

Und fluesterte: O sage mir,

Du wundersuesses Maegdelein,

Wem zimmerst du den Eichenschrein?

 

Da sprach sie schnell: "Die Zeit ist karg,

Ich zimmre deinen Totensarg!"

Und als sie dies gesprochen kaum,

Zerfloss das ganze Bild, wie Schaum. —

 

Es lag so bleich, es lag so weit

Ringsum nur kahle, kahle Heid;

Ich wusste nicht, wie mir geschah,

Und heimlich schaudernd stand ich da.

 

Und nun ich eben fuerder schweif,

Gewahr ich einen weissen Streif;

Ich eilt drauf zu, und eilt und stand,

Und sieh! die schoene Maid ich fand.

 

Auf weiter Heid stand weisse Maid,

Grub tief die Erd mit Grabescheit.

Kaum wagt ich noch sie anzuschaun,

Sie war so schoen und doch ein Graun.

 

Die schoene Maid, die sputet sich,

Sie summt ein Lied gar wunderlich:

"Spaten, Spaten, scharf und breit,

Schaufle Grube tief und weit."

 

Ich ging und nahete mich ihr,

Und fluesterte: O sage mir,

Du wunderschoene, suesse Maid,

Was diese Grube hier bedeut’t?

 

Da sprach sie schnell: "Sei still, ich hab

Geschaufelt dir ein kuehles Grab."

Und als so sprach die schoene Maid,

Da oeffnet sich die Grube weit;

 

Und als ich in die Grube schaut,

Ein kalter Schauer mich durchgraut;

Und in die dunkle Grabesnacht

Stuerzt ich hinein — und bin erwacht.

 

III

Im naechtgen Traum hab ich mich selbst geschaut,

In schwarzem Galafrack und seidner Weste,

Manschetten an der Hand, als ging’s zum Feste,

Und vor mir stand mein Liebchen, suess und traut.

Ich beugte mich und sagte: "Sind Sie Braut?

Ei! ei! so gratulier ich, meine Beste!"

Doch fast die Kehle mir zusammenpresste

Der langgezogne, vornehm kalte Laut.

Und bittre Traenen ploetzlich sich ergossen

Aus Liebchens Augen, und in Traenenwogen

Ist mir das holde Bildnis fast zerflossen.

O suesse Augen, fromme Liebessterne,

Obschon ihr mir im Wachen oft gelogen,

Und auch im Traum, glaub ich euch dennoch gerne.

 

IV

Im Traum sah ich ein Maennchen klein und putzig,

Das ging auf Stelzen, Schritte ellenweit,

Trug weisse Waesche und ein feines Kleid,

Inwendig aber war es grob und schmutzig.

Inwendig war es jaemmerlich, nichtsnutzig,

Jedoch von aussen voller Wuerdigkeit;

Von der Courage sprach es lang und breit,

Und tat sogar recht trutzig und recht stutzig.

"Und weisst Du, wer das ist, Komm her und schau!"

So sprach der Traumgott, und er zeigt’ mir schlau

Die Bilderflut in eines Spiegels Rahmen.

Vor einem Altar stand das Maennchen da,

Mein Lieb daneben, beide sprachen: Ja!

Und tausend Teufel riefen lachend: Amen!

 

V

Was treibt und tobt mein tolles Blut?

Was flammt mein Herz in wilder Glut?

Es kocht mein Blut und schaeumt und gaert,

Und grimme Wut mein Herz verzehrt.

 

Das Blut ist toll, und gaert und schaeumt,

Weil ich den boesen Traum getraeumt;

Es kam der finstre Sohn der Nacht,

Und hat mich keuchend fortgebracht.

 

Er bracht mich in ein helles Haus,

Wo Harfenklang und Saus und Braus

Und Fackelglanz und Kerzenschein;

Ich kam zum Saal, ich trat hinein.

 

Das war ein lustig Hochzeitfest;

Zu Tafel sassen froh die Gaest.

Und wie ich nach dem Brautpaar schaut —

O weh! mein Liebchen war die Braut.

 

Das war mein Liebchen wunnesam,

Ein fremder Mann war Braeutigam;

Dicht hinterm Ehrenstuhl der Braut,

Da blieb ich stehn, gab keinen Laut.

 

Es rauscht Musik — gar still stand ich;

Der Freudenlaerm betruebte mich.

Die Braut, sie blickt so hochbeglueckt,

Der Braeutigam ihre Haende drueckt.

 

Der Braeutigam fuellt den Becher sein,

Und trinkt daraus, und reicht gar fein

Der Braut ihn hin; sie laechelt Dank —

O weh! mein rotes Blut sie trank.

 

Die Braut ein huebsches AEpflein nahm,

Und reicht es hin dem Braeutigam.

Der nahm sein Messer, schnitt hinein —

O weh! das war das Herze mein.

 

Sie aeugeln suess, sie aeugeln lang,

Der Braeutigam kuehn die Braut umschlang,

Und kuesst sie auf die Wangen rot —

O weh! mich kuesst der kalte Tod.

 

Wie Blei lag meine Zung im Mund,

Dass ich kein Woertlein sprechen kunt.

Da rauscht es auf, der Tanz begann;

Das schmucke Brautpaar tanzt voran.

 

Und wie ich stand so leichenstumm,

Die Taenzer schweben flink herum; —

Ein leises Wort der Braeutigam spricht,

Die Braut wird rot, doch zuernt sie nicht. —

 

VI

Im suessen Traum, bei stiller Nacht

Da kam zu mir, mit Zaubermacht,

Mit Zaubermacht, die Liebste mein,

Sie kam zu mir ins Kaemmerlein.

 

Ich schau sie an, das holde Bild!

Ich schau sie an, sie laechelt mild,

Und laechelt, bis das Herz mir schwoll,

Und stuermisch kuehn das Wort entquoll:

 

"Nimm hin, nimm alles was ich hab,

Mein Liebstes tret ich gern dir ab,

Duerft ich dafuer dein Buhle sein,

Von Mitternacht bis Hahnenschrein."

 

Da staunt’ mich an gar seltsamlich,

So lieb, so weh und inniglich,

Und sprach zu mir die schoene Maid:

O, gib mir deine Seligkeit!

 

"Mein Leben suess, mein junges Blut,

Gaeb ich, mit Freud und wohlgemut,

Fuer dich, o Maedchen engelgleich —

Doch nimmermehr das Himmelreich."

 

Wohl braust hervor mein rasches Wort,

Doch bluehet schoener immerfort,

Und immer spricht die schoene Maid:

O, gib mir deine Seligkeit!

 

Dumpf droehnt dies Wort mir ins Gehoer

Und schleudert mir ein Glutenmeer

Wohl in der Seele tiefsten Raum;

Ich atme schwer, ich atme kaum. —

 

Das waren weisse Engelein,

Umglaenzt von goldnem Glorienschein;

Nun aber stuermte wild herauf

Ein greulich schwarzer Koboldhauf.

 

Die rangen mit den Engelein,

Und draengten fort die Engelein;

Und endlich auch die schwarze Schar

In Nebelduft zerronnen war. —

 

Ich aber wollt in Lust vergehn,

Ich hielt im Arm mein Liebchen schoen;

Sie schmiegt sich an mich wie ein Reh,

Doch weint sie auch mit bitterm Weh.

 

Feins Liebchen weint; ich weiss warum,

Und kuesst ihr Rosenmuendlein stumm. —

"O still feins Lieb, die Traenenflut,

Ergib dich meiner Liebesglut!"

 

"Ergib dich meiner Liebesglut –"

Da ploetzlich starrt zu Eis mein Blut;

Laut bebet auf der Erde Grund,

Und oeffnet gaehnend sich ein Schlund.

 

Und aus dem schwarzen Schlunde steigt

Die schwarze Schar; — feins Lieb erbleicht!

Aus meinen Armen schwand feins Lieb;

Ich ganz alleine stehen blieb.

 

Da tanzt im Kreise wunderbar,

Um mich herum, die schwarze Schar,

Und draengt heran, erfasst mich bald,

Und gellend Hohngelaechter schallt.

 

Und immer enger wird der Kreis,

Und immer summt die Schauerweis:

Du gabest hin die Seligkeit,

Gehoerst uns nun in Ewigkeit!

 

VII

Nun hast du das Kaufgeld, nun zoegerst du doch?

Blutfinstrer Gesell, was zoegerst du noch?

Schon sitze ich harrend im Kaemmerlein traut,

Und Mitternacht naht schon — es fehlt nur die Braut.

 

Viel schauernde Lueftchen vom Kirchhofe wehn; —

Ihr Lueftchen! habt ihr mein Braeutchen gesehn?

Viel blasse Larven gestalten sich da,

Umknicksen mich grinsend und nicken: O ja!

 

Pack aus, was bringst du fuer Botschafterei,

Du schwarzer Schlingel in Feuerlivrei?

"Die gnaedige Herrschaft meldet sich an,

Gleich kommt sie gefahren im Drachengespann."

 

Du lieb grau Maennchen, was ist dein Begehr?

Mein toter Magister, was treibt dich her?

Er schaut mich mit schweigend truebseligem Blick,

Und schuettelt das Haupt, und wandelt zurueck.

 

Was winselt und wedelt der zottge Gesell?

Was glimmert schwarz Katers Auge so hell?

Was heulen die Weiber mit fliegendem Haar?

Was lullt mir Frau Amme mein Wiegenlied gar?

 

Frau Amme, bleib heut mit dem Singsang zu Haus,

Das Eiapopeia ist lange schon aus;

Ich feire ja heute mein Hochzeitsfest —

Da schau mal, dort kommen schon zierliche Gaest.

 

Da schau mal! Ihr Herren, das nenn ich galant!

Ihr tragt, statt der Huete, die Koepf in der Hand!

Ihr Zappelbeinleutchen im Galgenornat,

Der Wind ist still, was kommt ihr so spat?

 

Da kommt auch alt Besenstielmuetterchen schon.

Ach segne mich, Muetterchen, bin ja dein Sohn.

Da zittert der Mund im weissen Gesicht:

"In Ewigkeit Amen!" das Muetterchen spricht.

 

Zwoelf windduerre Musiker schlendern herein;

Blind Fiedelweib holpert wohl hintendrein.

Da schleppt der Hanswurst, in buntscheckiger Jack,

Den Totengraeber huckepack.

 

Es tanzen zwoelf Klosterjungfrauen herein;

Die schielende Kupplerin fuehret den Reihn.

Es folgen zwoelf luesterne Pfaeffelein schon,

Und pfeifen ein Schandlied im Kirchenton.

 

Herr Troedler, o schrei dir nicht blau das Gesicht,

Im Fegfeuer nuetzt mir dein Pelzroeckel nicht;

Dort heizet man gratis jahraus, jahrein,

Statt mit Holz, mit Fuersten– und Bettlergebein.

 

Die Blumenmaedchen sind bucklicht und krumm,

Und purzeln kopfueber im Zimmer herum.

Ihr Eulengesichter mit Heuschreckenbein,

Hei! lasst mir das Rippengeklapper nur sein!

 

Die saemtliche Hoell ist los fuerwahr,

Und laermet und schwaermet in wachsender Schar.

Sogar der Verdammniswalzer erschallt —

Still, still! nun kommt mein feins Liebchen auch bald.

 

Gesindel, sei still, oder trolle dich fort!

Ich hoere kaum selber mein leibliches Wort —

Ei, rasselt nicht eben ein Wagen vor?

Frau Koechin! wo bist du? Schnell oeffne das Tor!

 

Willkommen, feins Liebchen, wie geht’s dir, mein Schatz?

Willkommen, Herr Pastor, ach nehmen Sie Platz!

Herr Pastor mit Pferdefuss und Schwanz,

Ich bin Eur Ehrwuerden Diensteigener ganz!

 

Lieb Braeutchen, was stehst du so stumm und bleich?

Der Herr Pastor schreitet zur Trauung sogleich;

Wohl zahl ich ihm teure, blutteure Gebuehr,

Doch dich zu besitzen gilts Kinderspiel mir.

 

Knie nieder, suess Braeutchen, knie hin mir zur Seit! —

Da kniet sie, da sinkt sie — o selige Freud! —

Sie sinkt mir ans Herz, an die schwellende Brust,

Ich halt sie umschlungen mit schauernder Lust.

 

Die Goldlockenwellen umspielen uns beid:

An mein Herze pocht das Herze der Maid.

Sie pochen wohl beide vor Lust und vor Weh,

Und schweben hinauf in die Himmelshoeh.

 

Die Herzlein schwimmen im Freudensee,

Dort oben in Gottes heilger Hoeh;

Doch auf den Haeuptern, wie Grausen und Brand,

Da hat die Hoelle gelegt die Hand.

 

Das ist der finstre Sohn der Nacht,

Der hier den segnenden Priester macht;

Er murmelt die Formel aus blutigem Buch,

Sein Beten ist Laestern, sein Segnen ist Fluch.

 

Und es kraechzet und zischet und heulet toll,

Wie Wogengebrause, wie Donnergroll; —

Da blitzet auf einmal ein blaeuliches Licht —

"In Ewigkeit Amen!" das Muetterchen spricht.

 

VIII

Ich kam von meiner Herrin Haus

Und wandelt in Wahnsinn und Mitternachtgraus.

Und wie ich am Kirchhof voruebergehn will,

Da winken die Graeber ernst und still.

 

Da winkts von des Spielmanns Leichenstein;

Das war der flimmernde Mondesschein.

Da lispelts: Lieb Bruder, ich komme gleich!

Da steigts aus dem Grabe nebelbleich.

 

Der Spielmann war’s, der entstiegen jetzt,

Und hoch auf den Leichenstein sich setzt.

In die Saiten der Zither greift er schnell,

Und singt dabei recht hohl und grell:

 

Ei! kennt ihr noch das alte Lied,

Das einst so wild die Brust durchglueht,

Ihr Saiten dumpf und truebe?

Die Engel, die nennen es Himmelsfreud,

Die Teufel, die nennen es Hoellenleid,

Die Menschen, die nennen es: Liebe!

 

Kaum toente des letzten Wortes Schall,

Da taten sich auf die Graeber all;

Viel Luftgestalten dringen hervor,

Umschweben den Spielmann und schrillen im Chor:

 

Liebe! Liebe! deine Macht

Hat uns hier zu Bett gebracht

Und die Augen zugemacht —

Ei, was rufst du in der Nacht?

 

So heult es verworren, und aechzet und girrt,

Und brauset und sauset, und kraechzet und klirrt;

Und der tolle Schwarm den Spielmann umschweift,

Und der Spielmann wild in die Saiten greift:

 

Bravo! bravo! immer toll!

Seid willkommen!

Habt vernommen,

Dass mein Zauberwort erscholl!

Liegt man doch jahraus, jahrein

Maeuschenstill im Kaemmerlein;

Lasst uns heute lustig sein!

Mit Vergunst —

Seht erst zu, sind wir allein? —

Narren waren wir im Leben

Und mit toller Wut ergeben

Einer tollen Liebesbrunst.

Kurzweil kann uns heut nicht fehlen,

Jeder soll hier treu erzaehlen,

Was ihn weiland hergebracht,

Wie gehetzt,

Wie zerfetzt

Ihn die tolle Liebesjagd.

 

Da huepft aus dem Kreise, so leicht wie der Wind,

Ein mageres Wesen, das summend beginnt:

 

Ich war ein Schneidergeselle

Mit Nadel und mit Scher;

Ich war so flink und schnelle

Mit Nadel und mit Scher;

Da kam die Meisterstochter

Mit Nadel und mit Scher;

Und hat mir ins Herz gestochen

Mit Nadel und mit Scher.

 

Da lachten die Geister im lustigen Chor;

Ein Zweiter trat still und ernst hervor:

 

Den Rinaldo Rinaldini,

Schinderhanno, Orlandini,

Und besonders Carlo Moor

Nahm ich mir als Muster vor.

 

Auch verliebt — mit Ehr zu melden —

Hab ich mich, wie jene Helden,

Und das schoenste Frauenbild

Spukte mir im Kopfe wild.

 

Und ich seufzte auch und girrte;

Und wenn Liebe mich verwirrte,

Stecht ich meine Finger rasch

In des Herren Nachbars Tasch.

 

Doch der Gassenvogt mir grollte,

Dass ich Sehnsuchtstraenen wollte

Trocknen mit dem Taschentuch,

Das mein Nachbar bei sich trug.

 

Und nach frommer Haeschersitte

Nahm man still mich in die Mitte,

Und das Zuchthaus, heilig gross,

Schloss mir auf den Mutterschoss.

 

Schwelgend suess in Liebessinnen,

Sass ich dort beim Wollespinnen,

Bis Rinaldos Schatten kam

Und die Seele mit sich nahm.

 

Da lachten die Geister im lustigen Chor;

Geschminkt und geputzt trat ein Dritter hervor:

 

Ich war ein Koenig der Bretter

Und spielte das Liebhaberfach,

Ich bruellte manch wildes: Ihr Goetter!

Ich seufzte manch zaertliches: Ach!

 

Den Mortimer spielt ich am besten,

Maria war immer so schoen!

Doch trotz der natuerlichsten Gesten,

Sie wollte mich nimmer verstehn. —

 

Einst, als ich verzweifelnd am Ende:

"Maria, du Heilige!" rief,

Da nahm ich den Dolch behende —

Und stach mich in bisschen zu tief.

 

Da lachten die Geister im lustigen Chor;

Im weissen Flausch trat ein Vierter hervor:

 

Vom Katheder schwatzte herab der Professor,

Er schwatzte, und ich schlief gut dabei ein;

Doch haett mirs behagt noch tausendmal besser

Bei seinem holdseligen Toechterlein.

 

Sie hat mir oft zaertlich am Fenster genicket,

Die Blume der Blumen, mein Lebenslicht!

Doch die Blume der Blumen ward endlich gepfluecket

Vom duerren Philister, dem reichen Wicht.

 

Da flucht ich den Weibern und reichen Halunken,

Und mischte mir Teufelskraut in den Wein,

Und hab mit dem Tode Smollis getrunken, —

Der sprach: Fiduzit, ich heisse Freund Hein!

 

Da lachten die Geister im lustigen Chor;

Einen Strick um den Hals, trat ein Fuenfter hervor:

 

Es prunkte und prahlte der Graf beim Wein

Mit dem Toechterchen sein und dem Edelgestein.

Was schert mich, du Graeflein, dein Edelgestein?

Mir mundet weit besser dein Toechterlein.

 

Sie lagen wohl beid unter Riegel und Schloss,

Und der Graf besold’te viel Dienertross.

Was scheren mich Diener und Riegel und Schloss? —

Ich stieg getrost auf die Leiterspross.

 

An Liebchens Fensterlein klettr ich getrost,

Da hoer ich es unten fluchen erbost:

"Fein sachte, mein Buebchen, muss auch dabei sein,

Ich liebe ja auch das Edelgestein."

 

So spoettelt der Graf und erfasst mich gar,

Und jauchzend umringt mich die Dienerschar.

"Zum Teufel, Gesindel! ich bin ja kein Dieb;

Ich wollte nur stehlen mein trautes Lieb!"

 

Da half kein Gerede, da half kein Rat,

Da machte man hurtig die Stricke parat;

Wie die Sonne kam, da wundert sie sich,

Am hellen Galgen fand sie mich.

 

Da lachten die Geister im lustigen Chor;

Den Kopf in der Hand, trat ein Sechster hervor:

 

Zum Weidwerk trieb mich Liebesharm;

Ich schlich umher, die Buechs im Arm.

Da schnarrets hohl vom Baum herab,

Der Rabe rief: Kopf — ab! Kopf — ab!

 

O, spuert ich doch ein Taeubchen aus,

Ich braecht es meinem Lieb nach Haus!

So dacht ich, und in Busch und Strauch

Spaeht ringsumher mein Jaegeraug.

 

Was koset dort? was schnaebelt fein?

Zwei Turteltaeubchen moegens sein.

Ich schleich herbei, — den Hahn gespannt, —

Sieh da! mein eignes Lieb ich fand.

 

Das war mein Taeubchen, meine Braut,

Ein fremder Mann umarmt sie traut —

Nun, alter Schuetze, treffe gut!

Da lag der fremde Mann im Blut.

 

Bald drauf ein Zug mit Henkersfron —

Ich selbst dabei als Hauptperson —

Den Wald durchzog. Vom Baum herab

Der Rabe rief: Kopf — ab! Kopf — ab!

 

Da lachten die Geister im lustigen Chor;

Da trat der Spielmann selber hervor:

 

Ich hab mal ein Liedchen gesungen,

Das schoene Lied ist aus;

Wenn das Herz im Leibe zersprungen,

Dann gehen die Lieder nach Haus!

 

Und das tolle Gelaechter sich doppelt erhebt,

Und die bleiche Schar im Kreise schwebt.

Da scholl vom Kirchturm "Eins" herab,

Da stuerzten die Geister sich heulend ins Grab.

 

IX

Ich lag und schlief, und schlief recht mild,

Verscheucht war Gram und Leid;

Da kam zu mir ein Traumgebild,

Die allerschoenste Maid.

 

Sie war wie Marmelstein so bleich,

Und heimlich wunderbar;

Im Auge schwamm es perlengleich,

Gar seltsam wallt’ ihr Haar.

 

Und leise, leise sich bewegt

Die marmorblasse Maid,

Und an mein Herz sich niederlegt

Die marmorblasse Maid.

 

Wie bebt und pocht vor Weh und Lust

Mein Herz, und brennet heiss!

Nicht bebt, nicht pocht der Schoenen Brust,

Die ist so kalt wie Eis.

 

"Nicht bebt, nicht pocht wohl meine Brust,

Die ist wie Eis so kalt;

Doch kenn auch ich der Liebe Lust,

Der Liebe Allgewalt.

 

"Mir blueht kein Rot auf Mund und Wang,

Mein Herz durchstroemt kein Blut;

Doch straeube dich nicht schaudernd bang,

Ich bin dir hold und gut."

 

Und wilder noch umschlang sie mich,

Und tat mir fast ein Leid;

Da kraeht der Hahn — und stumm entwich

Die marmorblasse Maid.

 

X

Da hab ich viel blasse Leichen

Beschworen mit Wortesmacht;

Die wollen nun nicht mehr weichen

Zurueck in die alte Nacht.

 

Das zaehmende Spruechlein vom Meister

Vergass ich vor Schauer und Graus;

Nun ziehn die eignen Geister

Mich selber ins neblichte Haus.

 

Lasst ab, ihr finstren Daemonen!

Lasst ab, und draengt mich nicht!

Noch manche Freude mag wohnen

Hier oben im Rosenlicht.

 

Ich muss ja immer streben

Nach der Blume wunderhold;

Was bedeutet’ mein ganzes Leben,

Wenn ich sie nicht lieben sollt?

 

Ich moecht sie nur einmal umfangen

Und pressen ans gluehende Herz!

Nur einmal auf Lippen und Wangen

Kuessen den seligsten Schmerz!

 

Nur einmal aus ihrem Munde

Moecht ich hoeren ein liebendes Wort —

Alsdann wollt ich folgen zur Stunde

Euch, Geister, zum finsteren Ort.

 

Die Geister habens vernommen,

Und nicken schauerlich.

Feins Liebchen, nun bin ich gekommen;

Feins Liebchen, liebst du mich?

 

 

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Heinrich Heine: Die Wallfahrt nach Kevlaar

H e i n r i c h   H e i n e

(1797-1856)

 

Die Wallfahrt nach Kevlaar

 

1

Am Fenster stand die Mutter,

Im Bette lag der Sohn.

"Willst du nicht aufstehn, Wilhelm,

Zu schaun die Prozession?"

 

"Ich bin so krank, o Mutter,

Dass ich nicht hoer und seh;

Ich denk an das tote Gretchen,

Da tut das Herz mir weh." —

 

"Steh auf, wir wollen nach Kevlaar,

Nimm Buch und Rosenkranz;

Die Mutter Gottes heilt dir

Dein krankes Herze ganz."

 

Es flattern die Kirchenfahnen,

Es singt im Kirchenton;

Das ist zu Koellen am Rheine,

Da geht die Prozession.

 

Die Mutter folgt der Menge,

Den Sohn, den fuehret sie,

Sie singen beide im Chore:

Gelobt seist du, Marie!

 

2

Die Mutter Gottes zu Kevlaar

Traegt heut ihr bestes Kleid;

Heut hat sie viel zu schaffen,

Es kommen viel kranke Leut.

 

Die kranken Leute bringen

Ihr dar, als Opferspend,

Aus Wachs gebildete Glieder,

Viel waechserne Fuess und Haend.

 

Und wer eine Wachshand opfert,

Dem heilt an der Hand die Wund;

Und wer einen Wachsfuss opfert,

Dem wird der Fuss gesund.

 

Nach Kevlaar ging mancher auf Kruecken,

Der jetzo tanzt auf dem Seil,

Gar mancher spielt jetzt die Bratsche,

Dem dort kein Finger war heil.

 

Die Mutter nahm ein Wachslicht,

Und bildete draus ein Herz.

"Bring das der Mutter Gottes,

Dann heilt sie deinen Schmerz."

 

Der Sohn nahm seufzend das Wachsherz,

Ging seufzend zum Heiligenbild;

Die Traene quillt aus dem Auge,

Das Wort aus dem Herzen quillt:

 

"Du Hochgebenedeite,

Du reine Gottesmagd,

Du Koenigin des Himmels,

Dir sei mein Leid geklagt!

 

"Ich wohnte mit meiner Mutter

Zu Koellen in der Stadt,

Der Stadt, die viele hundert

Kapellen und Kirchen hat.

 

"Und neben uns wohnte Gretchen,

Doch die ist tot jetzund —

Marie, dir bring ich ein Wachsherz,

Heil du meine Herzenswund.

 

"Heil du mein krankes Herze —

Ich will auch spaet und frueh

Inbruenstiglich beten und singen:

Gelobt seist du, Marie!"

 

3

Der kranke Sohn und die Mutter,

Die schliefen im Kaemmerlein;

Da kam die Mutter Gottes

Ganz leise geschritten herein.

 

Sie beugte sich ueber den Kranken

Und legte ihre Hand

Ganz leise auf sein Herze,

Und laechelte mild und schwand.

 

Die Mutter schaut alles im Traume

Und hat noch mehr geschaut;

Sie erwachte aus dem Schlummer,

Die Hunde bellten so laut.

 

Da lag dahingestrecket

Ihr Sohn, und der war tot;

Es spielt auf den bleichen Wangen

Das lichte Morgenrot.

 

Die Mutter faltet die Haende,

Ihr war, sie wusste nicht wie;

Andaechtig sang sie leise:

Gelobt seist du, Marie!


Heirich Heine Gedichte

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Heinrich Heine: Die Fensterschau

H e i n r i c h   H e i n e

(1797-1856)


Die Fensterschau

 

Der bleiche Heinrich ging vorbei,

Schoen Hedwig lag am Fenster.

Sie sprach halblaut: Gott steh mir bei,

Der unten schaut bleich wie Gespenster!

 

Der unten erhub sein Aug in die Hoeh,

Hinschmachtend an Hedewigs Fenster.

Schoen Hedwig ergriff es wie Liebesweh,

Auch sie ward bleich wie Gespenster.

 

Schoen Hedwig stand nun mit Liebesharm

Tagtaeglich lauernd am Fenster.

Bald aber lag sie in Heinrichs Arm,

Allnaechtlich zur Zeit der Gespenster.

 


Heinrich Heine poetry

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Heinrich Heine: Gespraech auf der Paderborner Heide

H e i n r i c h   H e i n e

(1797-1856)

 

Gespraech auf der Paderborner Heide

 

Hoerst du nicht die fernen Toene,

Wie von Brummbass und von Geigen?

Dorten tanzt wohl manche Schoene

Den gefluegelt leichten Reigen.

 

"Ei, mein Freund, das nenn ich irren,

Von den Geigen hoer ich keine,

Nur die Ferklein hoer ich quirren,

Grunzen nur hoer ich die Schweine."

 

Hoerst du nicht das Waldhorn blasen?

Jaeger sich des Weidwerks freuen;

Fromme Laemmer seh ich grasen,

Schaefer spielen auf Schalmeien.

 

"Ei, mein Freund, was du vernommen,

Ist kein Waldhorn, noch Schalmeie;

Nur den Sauhirt seh ich kommen,

Heimwarts treibt er seine Saeue."

 

Hoerst du nicht das ferne Singen,

Wie von suessen Wettgesaengen?

Englein schlagen mit den Schwingen

Lauten Beifall solchen Klaengen.

 

"Ei, was dort so huebsch geklungen,

Ist kein Wettgesang, mein Lieber!

Singend treiben Gaensejungen

Ihre Gaenselein vorueber."

 

Hoerst du nicht die Glocken laeuten,

Wunderlieblich, wunderhelle?

Fromme Kirchengaenger schreiten

Andachtsvoll zur Dorfkapelle.

 

"Ei, mein Freund, das sind die Schellen

Von den Ochsen, von den Kuehen,

Die nach ihren dunkeln Staellen

Mit gesenktem Kopfe ziehen."

 

Siehst du nicht den Schleier wehen?

Siehst du nicht das leise Nicken?

Dort seh ich die Liebste stehen,

Feuchte Wehmut in den Blicken.

 

"Ei, mein Freund, dort seh ich nicken

Nur das Waldweib, nur die Lise;

Blass und hager an den Kruecken

Hinkt sie weiter nach der Wiese."

 

Nun, mein Freund, so magst du lachen

UEber des Phantasten Frage!

Wirst du auch zur Taeuschung machen,

Was ich fest im Busen trage?


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Heinrich Heine: Sturm

Heinrich Heine
(1797-1856)

S t u r m

Es wütet der Sturm,
Und er peitscht die Wellen,
Und die Wellen, wutschäumend und bäumend,
Türmen sich auf, und es wogen lebendig
Die weißen Wasserberge,
Und das Schifflein erklimmt sie,
Hastig mühsam,
Und plötzlich stürzt es hinab
In schwarze, weitgähnende Flutabgründe —

O Meer!
Mutter der Schönheit, der Schaumentstiegenen!
Großmutter der Liebe! schone meiner!
Schon flattert, leichenwitternd,
Die weiße, gespenstige Möwe,
Und wetzt an dem Mastbaum den Schnabel,
Und lechzt, voll Fraßbegier, nach dem Herzen,
Das vom Ruhm deiner Tochter ertönt
Und das dein Enkel, der kleine Schalk,
Zum Spielzeug erwählt.

Vergebens mein Bitten und Flehn!
Mein Rufen verhallt im tosenden Sturm,
Im Schlachtlärm der Winde.
Es braust und pfeift und prasselt und heult,
Wie ein Tollhaus von Tönen!
Und zwischendurch hör ich vernehmbar
Lockende Harfenlaute,
Sehnsuchtwilden Gesang,
Seelenschmelzend und seelenzerreißend,
Und ich erkenne die Stimme.

Fern an schottischer Felsenküste,
Wo das graue Schlößlein hinausragt
Über die brandende See,
Dort, am hochgewölbten Fenster,
Steht eine schöne, kranke Frau,
Zartdurchsichtig und marmorblaß,
Und sie spielt die Harfe und singt,
Und der Wind durchwühlt ihre langen Locken,
Und trägt ihr dunkles Lied
Über das weite, stürmende Meer.

Joseph Turner

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